»Eure Heimat ist unser Albtraum«

Schnitzel, aber bitte mit Kimchi!

Der Essayband »Eure Heimat ist unser Albtraum« plädiert für die Anerkennung einer radikalen Vielfalt.

Von Bahareh Ebrahimi

Die Geschichte der Kolonialisierten haben jahrzehntelang die Kolonialisten erzählt. Den Orient haben ebenfalls die westlichen Orientalisten beschrieben. Wie die weibliche Sexualität funktioniert, haben männliche Psychologen kundgegeben. Lange fehlte in jedem Diskurs die Perspektive derjenigen, um die es eigentlich ging. Um die durch die Machtmechanismen konstruierte Realität zu zerlegen und sie dann durch ihre eigenen Realitäten zu ersetzen, mussten sich die Marginalisierten erst einmal die Narration erobern. Sie haben begonnen, selber zu erzählen, damit nicht nur über sie erzählt wird.

Auch in Deutschland wurde lange über die »Migranten« und »Ausländer« debattiert - mittlerweile über die »Flüchtlinge« -, ohne dass diese selber eine Stimme hatten. Dass heute etliche von ihnen an solchen öffentlichen Debatten, besser gesagt: an der Erzählung, teilhaben, ist nicht über Nacht passiert, sondern durch ständigen Kampf. Der kürzlich bei Ullstein erschienene Essayband »Eure Heimat ist unser Albtraum« ist ein Beispiel dafür. 14 Autoren und Autorinnen erzählen ihre eigenen Geschichten. Sie wurden oder werden immer noch aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Sexualität oder Religion marginalisiert. Sie schildern, wie sie durch den strukturellen Rassismus zu »anderen« gemacht werden, aber auch durch angeblich harmlose alltägliche Fragen wie: »Woher kommst du?«

Enrico Ippolito schreibt in seinem Beitrag: »In der Grundschule wurde schnell klar, dass er anders war. Anders als die Michaels, Christians und Julias. Nicht weil er sich so fühlte, sondern weil sie ihn jedes Mal darauf aufmerksam machten.« Ihm wurde der Spitzname »Spaghettifresser« gegeben, wobei er nicht wusste, ob es als Schimpfwort gemeint war. Er nennt Beispiele aus dem Alltag, die zeigen, wie jeder, der denkt, rassistisch sind immer die anderen, »die Nazis mit den Glatzen und Bomberjacken«, selber ein Rassist sein kann - wenn Rassismus im System verankert und in der Sprache festgeschrieben ist. Schließlich kehrt er zurück zu sich selbst. Auch er habe lange geglaubt, Migrant*innen müssten super Deutsch sprechen, damit sie als perfekt integriert gelten. Und auch er habe in diesem Text so getan, als ob nur die weißen Kinder Christian oder Julia hießen und blaue Augen hatten. So kommt er zu seiner Schlussfolgerung: »Natürlich ist er, bin ich, der Spaghettifresser, ein Rassist.«

Wo kommst du her? Bist du ein Mann oder eine Frau? War deine Familie im Holocaust? Hinter diesen Fragen stehe nicht nur eine Vorstellung von Normalität, sondern vor allem die Annahme, dass man dem Fragenden eine Antwort schuldig sei, erklärt Max Czollek in seinem Text. Sein Vorschlag für die Unterbrechung solcher Situationen nennt er Desintegration. Das heißt, »die Verweigerung einer Antwort auf die vermeintlich zwingenden Fragen«. Er greift damit die Identitätspolitik sowie das Integrationsparadigma an. Erstere reduziert die Vielfältigkeit der eigenen Identität auf bestimmte Merkmale. Letzteres bedeutet, »dass ein bestimmter Teil der Gesellschaft entscheidet, wer ab welchem Zeitpunkt Deutsche*r ist und wer Ausländer*in bleibt«.

Die alten deutschen Narrationen über die »Ausländer« entkräftet Fatma Aydemir in ihrer Geschichte vor allem mittels der preußischen Tugenden »Fleiß« und »Arbeit«. »Ich bin im Deutschland der 90er Jahre aufgewachsen, in dem die widersprüchlichen Parolen ›Ausländer sind faul‹ und ›Ausländer nehmen uns die Arbeit weg‹ teilweise aus denselben Mündern miteinander konkurrierten«, schreibt sie. Ihre Familie ist in den frühen 70er Jahren im Rahmen des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei eingewandert. Da »konnte es sich weder jemand leisten, faul zu sein, noch irgendwem die Arbeit wegzunehmen. Alle arbeiteten immer in den Jobs, die nicht für Deutsche, sondern für sie vorgesehen waren.« Sie meint, dass das, was die Arbeiter*innen zu fleißigen Arbeiter*innen macht, Existenzangst ist. »Deutsche werden nicht in weit entfernte Länder abgeschoben, weil sie nicht genug verdienen. Migrant*innen schon.«

Ihre Migrationsgeschichte bringt die Autorin Vina Yun in Zusammenhang mit Essen. »Was unsere Eltern und uns zu ›Ausländern‹ machte, war vor allem unser angeblicher Gestank«, erzählt sie. Koreanische Küche mag heute »hip« sein, war es aber nicht in den 70ern in Österreich, wo Vina Yun aufgewachsen ist. Im Land des Wiener Schnitzels und Kaiserschmarrens habe es lange gedauert, »bis ›fremde‹ Geschmäcker auf offene Gaumen trafen«, schreibt sie.

Auch wenn Heimat für die Autorin eine bedeutende Rolle spielt, gibt es für sie über diese im Endeffekt immer eine gemischte Vorstellung. Das koreanische Essen sei eine der wenigen Möglichkeiten, sich »koreanisch« zu fühlen, ohne sich dabei festlegen zu müssen, schreibt sie. »Denn die Kombinations- und Umbaumöglichkeiten - versucht mal Schnitzel oder Erbsensuppe mit Kimchi, mhmm! - sind endlos.« Diese endlose Kombination von verschiedenen Gerichten ist wie die Vielfalt in einer Gesellschaft anzuerkennen.

Diese Botschaft vermittelt der gesamte Essayband. Das Cover des Buches sorgt für Entschlüsselung. Im Buchtitel »Eure Heimat ist unser Albtraum« sind die Wörter »eure« und »unser« in der Hintergrundfarbe gedruckt. Die Herausgeberinnen erklären im Vorwort, dass sie nicht entscheiden, »wo das ›Wir‹ endet und das ›Ihr‹ beginnt«. Die Leser*innen sollten für sich bestimmen, ob sie in einer Gesellschaft leben wollen, »die sich an völkischen Idealen« orientiert, oder in einer, in der jedes Individuum gleichberechtigt ist.

Gäbe es diese Erklärung nicht, könnte man den Titel anders interpretieren. Die Heimat der besorgten Deutschen mag ein Albtraum für den in Deutschland lebenden »Ausländer« oder »Nicht-Deutschen« sein bzw. umgekehrt. Da könnte man zeigen, worin die Problematik der Heimat liegt: an dem »Unsere« und »Euer«, am Reproduzieren von »Wir« und »Ihr«. Sobald man von »unserer« und »eurer« Heimat redet, spielt man mit den Regeln desselben Systems, das der Heimat eine Art Legitimität gibt. Heimat ist also in dem Sinne ein Albtraum, wenn sie als Legitimationsfaktor verwendet wird.

Dieser Essayband hat es in vielerlei Hinsicht geschafft, den Begriff Heimat zu dekonstruieren - bis auf den Hinweis auf dem an sich kreativen Cover. Denn da taucht ein strukturelles Problem wieder auf: Auch die Herausgeberinnen reproduzieren de facto die Gegenüberstellung von »Wir« und »Ihr«.

Fatma Aydemir/Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Ullstein, 208 S., geb., 20 €.