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Endlich mehr Zeit für Überstunden

Homeoffice und flexible Arbeitszeiten festigen bislang die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Es klingt so schön: Wenn Mütter und Väter einfach später zur Arbeit kommen können, weil ihnen der Nachwuchs den Schlaf geraubt hat. Wenn sie ohne Probleme zwei Mal pro Woche früher gehen, um die Tochter aus der Kita abzuholen oder manchmal ganz von Zuhause arbeiten können, weil sich die Handwerker für irgendwann zwischen 9 und 17 Uhr angekündigt haben. Natürlich müsste all das vor- oder nachgearbeitet werden, aber im Sommer ließe sich mit flexiblen Arbeitsarrangements vielleicht auch ein Picknick mit Freunden im Park einrichten.

Aber wie vieles, klingt es besser, als es ist. Die DGB-nahe Hans-Böckler-Stiftung hat untersucht, wie sich Gleitzeit, völlig selbstbestimmte Arbeitszeit und Homeoffice gegenwärtig auswirken. Und in der Tat: Zumindest Haushalt und Kinderbetreuung können auf diesem Wege besser mit Erwerbsarbeit in Einklang gebracht werden. Das Vereinbarkeitsversprechen, es gilt - für Frauen. Denn Männer nutzen die Spielräume lediglich für noch mehr Überstunden. »Flexibles Arbeiten kann die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern festigen oder sogar verstärken«, warnt die Gender- und Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott, die für ihre neue Studie Daten des Sozio-oekonomischen Panels zwischen 1999 und 2016 ausgewertet hat.

Während sich Mütter im Schnitt 18 Stunden pro Arbeitswoche um ihre Kinder kümmern, tun sie das anderthalb Stunden länger, wenn sie völlig selbstbestimmt ihre Arbeitszeiten festlegen können und sogar knapp drei Stunden mehr, wenn sie in Homeoffice arbeiten. Bei Männern hingegen macht es keinen Unterschied, ob sie flexibler arbeiten können oder nicht: Es bleiben 13 Stunden pro Woche, die sie an Werktagen für ihren Nachwuchs aufwenden. Können Väter die Lage ihrer Arbeitszeit teilweise oder vollständig selbst bestimmen, sehen die Kinder Papa sogar noch eine Stunde weniger.

Doch wie verändert sich die Zeit für Erwerbsarbeit, wenn die Zügel lockerer gehalten werden? Dass Schlendrian einzieht, diese Befürchtung ist längst widerlegt. Die Böckler-Studie bestätigt einmal mehr: Je selbstbestimmter die Arbeitszeit, umso mehr Überstunden fallen an. Der Chef mit der Knute - er steckt in den Beschäftigten selbst. So machen Väter in Homeoffice fast sechs Überstunden pro Woche und arbeiten damit zwei Stunden länger als Väter mit festen Arbeitszeiten. Noch mehr zusätzliche Überstunden, nämlich wöchentlich vier, machen Väter mit »Vertrauensarbeitszeit«. Mütter arbeiten ebenfalls von ihrem häuslichen Schreibtisch aus länger als ohne Homeoffice. Sie nutzen die Flexibilität also für ihre Kinder und für den Job. Allein bei Gleitzeit haben Überstunden kein Geschlecht: Können Arbeitsbeginn bzw. -ende frei gewählt werden, arbeiten Mütter und Väter im gleichen Maße länger als mit festen Arbeitszeiten.

Der dritte Punkt der Böckler-Studie ist nach diesen Befunden wenig überraschend: »Mehr Freizeit haben weder Mütter noch Väter durch flexible Arbeitszeiten«, sagt Lott. Wobei Mütter besonders im Nachteil sind. Sie haben für Hobbys generell fast anderthalb Stunden weniger Zeit als Väter. Arbeiten sie Gleitzeit, schneiden sie zudem im Vergleich zu anderen Frauen mit fixen Arbeitszeiten schlechter ab: Eine halbe Stunde weniger Freizeit bleibt ihnen. Außerdem schlafen sie kürzer. Umgekehrt gilt also: Legen Mütter Wert auf ausreichend Schlaf, sollten sie auf feste Arbeitszeiten pochen und auf Homeoffice verzichten.

Während die Geschlechterforscherin Lott die scheinbar freiwilligen Überstunden vor allem mit einer in Deutschland verbreiteten »Kultur der idealen Arbeitskraft« erklärt, die langes Arbeiten als Signal für besonderes Engagement mit Karriere und Gehalt belohnt, sieht sie den geschlechtsspezifischen Umgang mit Flexibilität als Folge traditioneller Rollenbilder. Trotz »Vätermonaten« und steigender Frauenerwerbstätigkeit ist demnach das alte Muster immer noch in den Köpfen verankert, wonach der Mann arbeitet und Geld nach Hause bringt und die Frau sich um die Kinder kümmert. Diese Sicht bestimmt auch die Erwartungen von Kollegen und Vorgesetzten, die deshalb Männern, die davon abweichen wollen, eher Steine in den Weg legen. So zitiert Lott in ihrer Studie einen leitenden Polizeibeamten, der Elternzeit beantragen wollte und dann von seinem Chef gedrängt worden sei, stattdessen ein weiterführendes Studium zu beginnen. Ganz andere Erfahrungen machen Frauen. Sie bekommen von Vorgesetzten eher die Frage zu hören, wieso sie denn so lange arbeiteten, sie hätten doch ein Kind zu Hause. Beides ist ein Problem.

Lott schlägt daher eine Reihe von Maßnahmen vor, wie Politik, aber auch Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitgeber zur Veränderung dieser Geschlechterverhältnisse beitragen könnten. Dazu gehören klarere Regelungen etwa für die Zeiterfassung im Homeoffice, um Selbstausbeutung zu verhindern, sowie stärkere Anreize für Väter, sich ausführlicher um ihre Kinder zu kümmern. Vieles davon - wie die Ausweitung der Partnermonate beim Elterngeld, die gesetzliche Förderung von männlicher Teilzeitarbeit oder auch die Abschaffung des Ehegattensplittings - wird bereits diskutiert, zum Teil seit Jahren. Und trotz der Schattenseiten, die ihre Untersuchung für die »Heimarbeit« aufzeigt, plädiert Lott ganz entschieden für einen Rechtsanspruch darauf. Denn was bislang nur einigen wenigen als Privileg gewährt wird, würde dadurch legitimes Recht von allen. Das könne auch die verbreitete Präsenzkultur schwächen und so dazu führen, dass Beschäftigte nicht mehr das Gefühl haben, extra Stunden arbeiten zu müssen, als Kompensation für die Verletzung der Präsenznorm. »Wenn es legitim ist, ab und an von Zuhause zu arbeiten, sehe ich mich nicht in der Schuld meinem Arbeitgeber gegenüber«, erklärt Lott.

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