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Zeitreise ohne Zahnschmerz

»Black Monday«: Börsencrash als Serie

Die 80er gehen eigentlich immer. Kalter Krieg und Mauerfall, Hafenstraße und Heimcomputer, Gladbeck und Dallas, Lady Di und Boris Becker, Walkman, Milchkaffee, Schulterpolster und dann ein Sound, mit dem sogar die Generationen Y bis Z ihre Abi-Bälle beschallt. Kein Jahrzehnt wühlt die Menschen von heute so auf - selbst dann noch, wenn sie die Zeit gar nicht persönlich erlebt haben. Umso verblüffender ist es, dass die Streaming-Sender sich dieses Jahrzehnts so selten annehmen - abgesehen von Netflix, das mit Serien wie »Glow« oder »Stranger Things« das Jahrzehnt feiert.

Jetzt aber kriegt Netflix Konkurrenz. Und wie! Nach ihrer gemeinsamen Superhelden-Adaption »Preacher«, reist Seth Rogen mit dem ähnlich umtriebigen Evan Goldberg zurück in die Zukunft von einst und macht das New York der späten Achtziger zum Schauplatz einer spektakulären Zeitreise. Vordergründig betrachtet, handelt »Black Monday« dabei vom größten Börsencrash der Geschichte, als die Kurse an der Wall Street an nur einem Oktobertag um rund ein Viertel abstürzten. Ein Stück drunter jedoch geht es natürlich nicht nur ums Finanzwesen im Turbokapitalismus jener entfesselten Tage; weit wichtiger ist das Lebensgefühl der Menschen dahinter.

Verkörpert werden sie durch drei erstaunliche Figuren: den erfahrenen Broker Maurice »Mo« Monroe (Don Cheadle), seiner rechten Hand Dawn Towner (Regina Hall) und ein Börsen-Greenhorn namens Blair (Andrew Rannels). Nicht nur optisch, sondern auch charakterlich grundverschieden, wollen die drei Außenseiter die männlich-weiße Shareholder-Ökonomie ausgerechnet in jener Zeit aufmischen, als deren ungebremster Aufschwung erstmals seit der Weltwirtschaftskrise zwischen den Kriegen nicht nur Fahrt verliert, sondern bei Vollgas den Rückwärtsgang einlegt.

Zwei afroamerikanische Emporkömmlinge und ein Elite-Zögling im Kampf gegen das Establishment erinnert dabei an Eddy Murphy und Dan Aykroyd als »Glücksritter«, die 1983 ganz zeitgenössisch die Wall Street aufgemischt haben - ergänzt um Regina Hall als Aktienhändlerin. Es steckt also spürbar ein Stück Emanzipationsgeschichte in der zehnteiligen Comedy, wenn das Außenseiterduo versucht, über den Kauf einer Bekleidungsfirma Profit aus dem Zusammenbruch zu schlagen.

Doch schon beim allerersten Aufeinandertreffen der Partner in spe, als der schüchterne Blair dem exzentrischen Mo zwischen mitten auf dem Parkett versehentlich ein Riesenpaket Koks aus dem Maßanzug schlägt, zeigt sich: hier geht es bei aller Sozialkritik am Ende doch auch um den Retro-Faktor dieses schillernden Jahrzehnts. Anders als in den dezent ausgestatteten Netflix-Rückblenden »Stranger Things« oder »Dark« nämlich stehen Kostüme und Kulissen aus dieser Zeit durchaus im Vordergrund.

Der habituelle Aberwitz des enthemmten Geldadels jener Tage ist also nicht nur dekorativer Background, sondern essenziell für die Situationskomik. Nur: Während die Detailversessenheit deutschen Dekorateure jede Handlung meist im Karneval des Historytainments erstickt, bleibt der Inhalt bei aller Optik in diesem Fall doch irgendwie vordringlicher. Eye-Candy, das lernen wir auch in dieser Streaming-Serie internationaler Herkunft, muss weder Zähne noch Magen verkleben.

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