Mahnmal

Gedenkstätte Lieberose braucht Geld

Die Sanierung eines Mahnmals für KZ-Opfer scheitert bislang an der Finanzierung.

Von Andreas Fritsche

Peter Kotzan ist baff. Erst jetzt sieht er, dass bei der Inschrift wieder einmal Buchstaben fehlen. Jemand muss sie Stück für Stück aus dem Beton herausgebrochen haben. Die Dübel stecken noch drin. Vielleicht ist das schon länger so. Doch dass von »KZ Sachsenhausen« das »hausen« fehlt, bemerkte Kotzan nicht, weil die Zweige eines Nadelbaums diese Stelle etwas verdecken. Es ist nicht das erste Mal, dass unbekannt gebliebene Metalldiebe, mutwillige Zerstörer oder rechte Übeltäter das Mahnmal für die Opfer des KZ-Außenlagers Lieberose auf diese Weise beschädigen.

Kotzan weiß das so genau, weil er sich von Anfang an um das 1982 an der Bahnhofstraße eröffnete kleine Museum gekümmert hat - und seitdem auch um das Mahnmal, dass bereits 1973 eingeweiht wurde und vom Museum ein paar Schritte den Hang hoch neben dem Friedhof von Lieberose liegt. In einem Rondell des Mahnmals beigesetzt ist die Asche von 577 ungarischen Juden, die Anfang 1945 bei der Räumung des Lagers ermordet worden sind. 1959 waren zwölf Skelette in einer Kiesgrube bei Staakow gefunden worden. In dem Massengrab in dieser Kiesgrube sind dann 1971 die sterblichen Überreste der genannten 577 KZ-Häftlinge gefunden worden. Um ihre Asche beizusetzen und um würdig an die Opfer zu erinnern, wurde das Mahnmal errichtet. Am historischen Standort des Lagers im benachbarten Jamlitz erschien das damals nicht möglich, weil dort bereits seine Siedlung mit Eigenheimen und Datschen entstanden war.

Auf einem historischen Foto von der Einweihung des Mahnmals sieht alles tipptopp aus - dem Erinnern an die schrecklichen Ereignissen von 1945 angemessen. Doch inzwischen nagte der Zahn der Zeit an der Anlage. Die Treppenstufen sind brüchig, die Betonplatten vor dem Rondell sind von Rissen zerfurcht. Weil im Moment Sand die Lücken füllt, ist der Boden einigermaßen eben. Doch wenn Regen den Sand ausspült, entstehen Löcher. »Besucher sind hier schon gestolpert, zum Glück ist niemand gestürzt«, sagt Kotzan. Doch die Anlage könnte dringend eine Grundsanierung vertragen.

Bereits seit 1996 ringt Kotzans Verein zur Förderung der antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätte Lieberose um eine Lösung. Ein Kostenvoranschlag, in dem auch der Bau einer Rampe für Rollstühle enthalten ist, beziffert den finanziellen Aufwand mit 33 000 Euro. Doch eine Stiftung, die bereits eine Heizung und die Wärmedämmung für das Museum spendiert hatte, bewilligte neuerliche Anträge nicht. Bewegung kam erst wieder in die Sache, als Brandenburgs Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski (LINKE) im Februar 2017 zum Jahrestag der Befreiung des Lagers eine Rede hielt. Von Kotzan auf den Zustand des Mahnmals angesprochen, stellte Trochowski Lottomittel in Aussicht. 15 000 Euro würde das Finanzressort auszahlen. Doch es scheitert bislang an der Kofinanzierung. Das Amt Lieberose sah sich außer Stande, einen kommunalen Eigenanteil in Höhe von 18 000 Euro aufzubringen. Solange liegt der Antrag auf Lottomittel auf Eis, bedauert Finanzministeriumssprecherin Ingrid Mattern. Das Angebot steht aber, lässt Staatssekretärin Trochowski ausrichten. Man bemühe sich und sei auch zuversichtlich, eine Lösung zu finden. Mittlerweile beantragte das Amt Lieberose noch 4800 Euro beim Kulturministerium und weitere Mittel beim Landkreis Dahme-Spreewald. Komplett könne auf eine Eigenanteil aber nicht verzichtet werden, heißt es.

Der Kreistagsabgeordnete Reinhard Krüger (LINKE) hat bei Landrat Stephan Loge (SPD) nachgefragt, was sich machen lässt. Nach Krügers Absicht kann die Sanierung nicht noch weiter auf die lange Bank geschoben werden. Denn wenn die Schäden weiter zunehmen, könnten sie so schwer werden, dass irgendwann eine Sperrung des Areals notwendig wird. Eine Antwort hat Krüger noch nicht erhalten. Wie »nd« beim Büro des Kreistags erfuhr, gibt es zwar schon einen Entwurf eines Antwortschreibens, dass aber noch keine Unterschrift trägt. Deshalb lasse sich über den Inhalt noch nichts sagen.

Peter Kotzan und seine sechs Vereinsfreunde müssen sich also etwas gedulden. Auch die Besucher des Mahnmals. Ist das Museum nicht geöffnet, so können diese übrigens trotzdem etwas erfahren. Kotzan hat außen extra ein paar Informationstafeln angebracht. Zu lesen ist dort auch ein Erinnerungsbericht von Alfred Ehling: »Die ausgehungerten Häftlinge mussten im Dauerlauf zum Bahnhof rennen und schwere Betonplatten, die als Eisenbahnschwellen verwendet wurden, tragen. Die Betonplatten hatten eine Länge von 1,10 Meter und ein Gewicht von circa 250 Kilogramm. Wer dabei hinfiel, wurde von der Schwelle erschlagen und blieb tot liegen.«

Im Museum sind Holzpantinen und eine Häftlingsjacke ausgestellt, die 1982 aus dem Fundus der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen übergeben wurde. Zwei Bretter mit der Aufschrift »Baracke Nr. 4« hat Kotzan von einem Mitbürger erhalten, der sie beim Abriss eines Schuppens entdeckte. Einst hatten Anwohner Baumaterial aus den Baracken des ehemaligen Lager herausgebrochen und sich daraus auf ihren Bauernhöfen Verschläge gebaut. Kotzan nahm die Bretter gern an, wollte sie jedoch nicht kommentarlos ins Museum hängen. Er suchte Lebensgeschichten von sechs Häftlingen heraus, die in der Baracke Nummer vier gelitten hatten und stellte die Kurzbiografien dazu - etwa die von Hermann Zwi-Hirsch (1906-1978), einem ungarischen Juden, der das Lager überlebte und nach Israel auswanderte. Zu den Überlebenden zählte auch Lagerarzt Viktor Braschnikow (1903-1984). Als Kriegsgefangener hatte er Flugblätter für seine Kameraden übersetzt - Flugblätter, die sowjetische Piloten hinter der Front abgeworfen hatten, um die Deutschen zu agitieren. Braschnikow wurde verraten und ins KZ überstellt. Lehrer Kotzan besuchte Braschnikow ein Jahr vor dessen Tod in der Sowjetunion. Eine Gedenktafel erinnert an den Arzt.

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