Tibet

Anpassung an chinesische Lebensstile

60 Jahre nach dem Aufstand: Volker Stanzel, ehemaliger Botschafter in China, über die Situation in Tibet

Von Alexander Isele

Anlässlich des 60. Jahrestages des Beginns des Aufstandes in Tibet an diesem Samstag hat die chinesische Regierung die Region für ausländische Touristen gesperrt. Wissen Sie, was dort gerade passiert?

Nein. Da in der Tat niemand hineinkommt, sind wir alle angewiesen auf Informationen von Menschen, die rauskommen. Eine Minderheit flüchtet noch immer, aber die meisten Tibeter gehen nach China, um dort zu arbeiten, zu studieren oder Handel zu treiben. Deren Berichte sind die Hauptquelle unserer Kenntnisse über die Zustände in Tibet. Und wenn Sie nun …

… nach den Erkenntnissen fragen, …

… dann würde ich sagen, dass die Repression erstens nicht nachlässt, sie zweitens intelligenter wird und drittens, dass der Versuch verschärft wird, Tibet und seine Bevölkerung durch wirtschaftliche Entwicklung besser zu kontrollieren.

Können Sie das erläutern?

Wenn ich sage, die Repression lässt nicht nach, meine ich, dass heute selbst Klöster, die bisher nicht primär Ziel von Pilgern waren, nun auch scharf kontrolliert werden und der Zutritt zu ihnen kontrolliert oder sogar verboten wird. Die Repression wird intelligenter bedeutet, dass sie sich nicht pauschal gegen alle Mönche oder alle Lamas - religiöse Führer -, richtet, sondern gegen ausgewählte Personen, die besonders auffallen. Und drittens: Durch die wirtschaftlichen Maßnahmen, vor allem durch den großen Erfolg der Bahnverbindungen von zentralen Regionen Chinas nach Tibet und die Förderung des innerchinesischen Tourismus in die Region, kommt es zu einem Wohlstandszuwachs inzwischen auch in den ärmeren Gebieten Tibets, der zu einer höheren Zufriedenheit der Tibeter mit ihrer Lebenssituation führt.

Bedeutet das auch, dass über den wachsenden Wohlstand eine Annäherung an China stattfindet und die Bestrebung nach Autonomie abnimmt?

Den Tibetern geht es in erster Linie um die Freiheit der Religionsausübung, die Freiheit, ihre Sprache zu gebrauchen und ihre Sitten zu pflegen. Das gilt vor allem für den großen Teil der Tibeter, die Nomaden sind. Durch die wirtschaftlichen Fortschritte können sich immer mehr Tibeter Wohlstandszuwachs durch Angleichung an die Anforderungen der Han-chinesischen Wirtschaft versprechen. Wie alle Menschen sind auch Tibeter daran interessiert, selber eine bessere Zukunft zu haben und erst recht für ihre Kinder eine bessere Zukunft sicherzustellen. In dem Moment, in dem das leichter wird als in der Vergangenheit, als Tibeter viel stärker ausgegrenzt wurden, führt das zu einer Anpassung an chinesische Lebensstile. Man verspricht sich mehr davon, wenn man auf eine Universität irgendwo außerhalb Tibets geht, wo nur noch chinesisch gesprochen wird: einen anständigen Job in der chinesischen Gesellschaft zu bekommen und nicht unbedingt zurückkehren zu müssen in das vergleichsweise immer noch arme Tibet.

Woran macht sich die Kritik außerhalb Chinas an Pekings Tibet-Politik fest?

In erster Linie an der Kritik der Tibeter im Exil. Das sind die Menschen, die am besten über die Situation Bescheid wissen, insbesondere über die Unterdrückung der Religionsfreiheit. Daran orientiert sich auch die Kritik. Darum geht es in erster Linie, alles andere ist sekundär - Autonomie und so weiter, das sind politische Forderungen der Tibeter im Exil.

Was ist deren Position?

Die tibetische Führung im Exil akzeptiert zwar, dass Tibet ein Teil Chinas ist, besteht aber auf kultureller und religiöser Autonomie. Aus Sicht der chinesischen Führung übersetzt sich das in die Forderung nach politischer Autonomie, was der Dalai Lama und andere Tibeter im Exil bestreiten.

China verbittet sich Kritik an seiner Tibet-Politik und weist sie als Einmischung in innere Angelegenheiten zurück. Wie gehen die EU und die Bundesregierung mit dem Konflikt um?

Beide in sehr ähnlicher Weise: Wir fordern eine friedliche Lösung des Tibet-Konfliktes und wir fordern die chinesische Regierung immer wieder dazu auf, in den Dialog mit den Tibetern im Exil und mit dem Dalai Lama zu treten. Wenn das Problem Tibet friedlich gelöst werden soll, dann bedarf es dazu ergebnisoffener Gespräche der chinesischen Regierung sowohl mit der politischen Führung der Tibeter als auch mit der religiösen Vertretung der Tibeter - dem Dalai Lama, der mittlerweile von allen politischen Ämtern zurückgetreten ist und nur noch religiöser Führer ist.

Die Tibeter im Exil sind nicht unumstritten. Was genau wird ihnen vorgeworfen?

Es gibt Tibeter innerhalb Chinas, die auf den bewaffneten Kampf setzen möchten und Schwierigkeiten haben, die Linie ausschließlich friedlicher Konfliktlösung zu akzeptieren, auf der der Dalai Lama beharrt. Die chinesische Führung wirft den Exiltibetern vor, in Wahrheit Unabhängigkeit für Tibet anzustreben. Die Exiltibeter selbst sind sich nicht einig, ob sie, ihre Kinder und Enkel, irgendwann nach Tibet zurückkehren sollten. Also eine komplizierte Situation, und das ist angesichts der Problematik nicht verwunderlich.

Wie steht die Bundesregierung zu den Exil-Tibetern?

Sie sind Gesprächspartner, um zu erfahren, was die Tibeter im Exil anstreben und um darüber auch mit der chinesischen Regierung sprechen zu können. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Dalai Lama 2007 zum Gespräch empfangen, in erster Linie zur Informationsgewinnung, aber auch als Ausdruck des Respekts gegenüber dem Friedensnobelpreisträger. Und noch eins: Ohne die Arbeit der Exiltibeter wäre die Kenntnis von der tibetischen Kultur und ihren eigenen religiösen Ausprägungen außerhalb Tibets gering. Dass die Tibeter nicht wie andere kolonisierte Zivilisationen in Vergessenheit geraten sind, verdankt sich den Tibetern im Exil.

Die chinesische Regierung hat das Treffen der Bundeskanzlerin mit dem Dalai Lama scharf kritisiert. Wie geht man damit um?

Man führt das Gespräch mit Peking auch über Tibet weiter.

Sehen Sie eine Lösung im Tibet-Konflikt?

Aus westlicher Sicht - und gerade aus Sicht eines Bundesstaates wie Deutschland - ist es leicht vorstellbar, einer Teilregion eines Staates eine gewisse Freiheit zuzugestehen, was Religionsausübung oder kulturelle Belange wie die Nutzung der eigenen Sprache angeht.

Und aus chinesischer Sicht?

Aus Sicht der autoritären Regierung, die ein möglichst homogenes China schaffen möchte, in dem alle Teile des chinesischen Volkes - auch die Tibeter, Uiguren, Miao und andere Völker - auf das hören, was in Peking entschieden wird, ist das sehr viel schwerer vorstellbar. Hier erwartet man Unterordnung und ist dazu auch zum Einsatz massiver Gewalt bereit, wie wir das in der Vergangenheit schon erlebt haben. Ich sehe nicht, dass die Führung unter Xi Jinping jetzt zu Kompromissen bereit wäre, zu denen sie in den vergangenen 70 Jahren nicht bereit gewesen ist.

Hat sich der Machtanspruch unter Xi gegenüber Tibet noch einmal erweitert?

In der Phase zwischen Ende der Herrschaft von Mao Tsetungs im Jahr 1976 bis zur Übernahme der Regierungsgewalt durch Xi Jinping im Jahr 2012 gab es unterschiedliche Diskussionen in der chinesischen Führung. Das war die Zeit der sogenannten kollektiven Führung, da gab es bis hin zu Parteichefs Personen, die darüber nachgedacht haben, ob es nicht die Möglichkeit gäbe, auch relativ kurzfristig zu einer friedlichen Lösung mit den Tibetern zu gelangen. Mit dem Machtantritt Xis hat sich das geändert. Xi Jinping erwartet von seiner Partei und von allen Chinesen, egal welcher ethnischer oder religiöser Ausrichtung, dass sie seiner Führung folgen.

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