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Steuerungssystem unter Verdacht

Nach erneutem Unglück mit einer Boeing 737 MAX gibt es Spekulationen über die Ursache

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ethiopian Airlines gilt als eine der sichersten Fluggesellschaften Afrikas. Sie bedient ein beachtliches internationales Streckennetz und baut in Addis Abeba systematisch ein kontinentales Drehkreuz auf. Die Gesellschaft betreibt zudem eine recht moderne Flotte, die aus rund 100 Flugzeugen besteht. Das Alter der Boeing- und Airbus-Maschinen liegt bei 5,5 Jahren. Wesentlich jünger war die am Sonntag abgestürzte B737 MAX 8 mit der Registrierung ET-AVJ. Sie war erst am 15. November vergangenen Jahres ausgeliefert worden. In ihrer Dokumentation standen gerade einmal 1200 Einsatzstunden.

Bekannt ist bislang das Folgende: Flug ET302 startete um 8.38 Uhr Ortszeit vom Addis Abeba Bole International Airport mit dem Ziel Nairobi in Kenia. Die Boeing flog in Richtung Osten. Doch nicht wie üblich im konstanten Steigflug. Es gab - so zeigen die Radaraufzeichnungen - ein mehrfaches Auf und Ab. Die Piloten meldeten ein technisches Problem und bekamen von der Flugsicherung die Erlaubnis zur Rückkehr. Doch dazu kam es nicht. Nach sechs Minuten Flugzeit brach der Kontakt ab.

Die Unglücksstelle liegt rund 40 Kilometer südöstlich von Addis Abeba. Das Trümmerbild zeigt, dass der Aufschlag mit hoher Geschwindigkeit erfolgt sein muss. Alle 156 Menschen an Bord starben. Weder das zu dem Zeitpunkt herrschende Wetter noch die Zusammensetzung der Besatzung geben bislang Hinweise auf die Unglücksursache. Der Kapitän besaß über 8200 Stunden Flugerfahrung und war seit 2010 bei Ethiopian Airlines angestellt. Der Kopilot hatte immerhin 200 Stunden absolviert. Und die Maschine? Bevor der Jet Richtung Nairobi startete, war er von Johannesburg nach Addis Abeba geflogen. Ohne Beanstandung.

Die Boeing 737 MAX ist die Weiterentwicklung des beliebten Kurz- und Mittelstreckenklassikers des US-Flugzeugbauers. Seit 1968 wird der Typ in Serie produziert. Immer wieder hat man ihn modernisiert, er bekam neue Avionik, umweltfreundlichere Triebwerke und wurde gestreckt, um die Sitzplatzkapazität zu erweitern. Die erste B737 MAX wurde im Mai 2017 in Dienst gestellt. Zur Zeit sind weltweit über 350 Maschinen dieser Modifikation im Einsatz.

Experten sprachen bereits kurz nach dem Unfall von einem traurigen Déjà-vu. Erst im Oktober war eine nagelneue und baugleiche B737 MAX der Lion Air abgestürzt. Kurz nach dem Start in Jakarta fiel sie in die Java-See. Keiner der 189 Insassen überlebte. Die Auswertung des Flugschreibers ergab damals Hinweise auf eine mögliche Unfallursache. In Verdacht steht das neue MCAS-Steuerungssystem der MAX-Maschinen. Es soll helfen, Strömungsabrisse, wie sie beispielsweise beim Start mit einem falsch gewählten Anstellwinkel auftreten können, durch Herunterdrücken der Flugzeugnase automatisch zu verhindern. Offensichtlich sind die Hinweise ernst zu nehmen, denn Hersteller Boeing übermittelte nach dem Crash der Lion-Air-Maschine an alle Betreiber dieses Flugzeugtyps folgende Warnung: »Das Indonesian National Transportation Safety Committee hat darauf hingewiesen, dass Lion-Air-Flug 610 fehlerhafte Vorgaben von einem der Anstellwinkelsensoren (AOA) erhalten hat.«

Zu dem jüngsten Unfall äußerte sich Boeing noch nicht. Man sprach den Angehörigen der Opfer das Beileid aus und kündigte die Entsendung von Experten nach Äthiopien an. Indes erklärte Ethiopian Airlines am Montag ein Startverbot für alle baugleichen Maschinen. Ebenso reagierten China und Indonesien. Auch die karibische Fluggesellschaft Cayman Airways lässt ihre beiden Boeing 737 MAX 8 vorerst am Boden. Diese Entscheidungen pro Sicherheit bringen gewiss weitere Betreiber in Zugzwang.

Was man bei Boeing (Jahresumsatz 2018: 101,1 Milliarden US-Dollar) mit gemischten Gefühlen sieht. Die Zivilluftfahrt steckt in einer Umbruchphase. Vierstrahlige Großraumjets sind auf dem Rückzug, Zweistrahler operieren effizienter und umweltfreundlicher. Im Mittelstreckenbereich liegt der Löwenanteil der aktuellen Boeing-Bestellungen bei B737-MAX-Maschinen. Die Zulieferer und auch Boeing selbst sind mit Aufträgen so überhäuft, dass es bei der Auslieferung zu langen Wartezeiten kommt. Ob die Kauffreude nun abnimmt?

Profitieren würde der europäische Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern Airbus, mit einem Jahresumsatz von 40 Milliarden Euro (2018) Boeings größter Rivale. Der ist gerade gebeutelt von der Einstellung seines A380-Programms. Doch mit dem A320-neo - dem direkten Konkurrenzmodell zur B737-MAX - feiert man derzeit Absatzrekorde.

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