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Ein Verein als Teil des rechten Problems

Wie der Chemnitzer FC das Erstarken extremistischer Fanstrukturen befördert hat

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 7 Min.

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In jedem Scheitern liegt auch immer eine Chance. Ende August erlebte Chemnitz mehrtägige rassistische Ausschreitungen. Diese Machtdemonstration von Rechtsaußen erfuhr ein weltweites Echo. Mit der ersten Empörungswelle ebbte jedoch gleichzeitig das nötige Interesse ab, von den Medien bis zur Politik. Ob fehlender Unterstützung hat dann auch das stadtweite Bündnis »Herz statt Hetze«, ein Zusammenschluss von rund 70 Organisationen und Vereinen, seine Arbeit bald wieder eingestellt. Dabei war der Anfang vielversprechend: Zum Konzert gegen Rechts unter dem Motto »Wir sind mehr« kamen am 3. September 65 000 Menschen.

Der Chemnitzer FC hat wieder mal eine Chance vertan. Noch viel schneller wurde damals vergessen, dass ein gut organisiertes Netzwerk rechter Fans des Fußball-Regionalligisten maßgeblich an der Mobilisierung beteiligt war. Gruppen wie »Kaotic Chemnitz« oder die »NS-Boys« brachten Massen auf die Straße. Wenn nun der Bundesinnenminister über den Viertligisten spricht, weiß man, dass Verein und Stadt zumindest bundesweit wieder in den Schlagzeilen sind. Horst Seehofer hält es für absolut notwendig, dass der Verein Konsequenzen zieht. »Hier darf es keinen Raum für Rechtsextremismus und Rassismus geben«, sagte der CSU-Politiker am Montagabend.

Zum politischen Brennpunkt wurde diesmal das Stadion des CFC. Am vergangenen Sonnabend wurde im Rahmen der Regionalligapartie gegen die VSG Altglienicke dem nach einem Krebsleiden verstorbenen Thomas Haller gedacht. Der Stadionsprecher würdigte ihn als »Anhänger mit Leidenschaft für den Verein«, es gab eine Schweigeminute im Stadion, ein Bild des Verstorbenen flimmerte über die Videowand. Haller war ein bekennender und bekannter Neonazi, eine führende Kraft der rechten Szene. Anfang der 90er gründete er die Vereinigung »HooNaRa« - Hooligans-Nazis-Rassisten. Später baute er die neue, junge Szene auf, die jetzt im Stadion das Sagen und, wie die letzten Tage im August 2018 zeigten, auch in der Stadt eine große Wirkkraft hat.

Chemnitz, Sachsen, Ostdeutschland, wieder einmal. Es gibt nachvollziehbare Befunde gesellschaftswissenschaftlicher Studien, die eine besondere Anfälligkeit für extreme Tendenzen in den neuen Bundesländern erklären. Ebenso bekannt ist, dass Staat und Sicherheitsorgane den Kampf gegen Rechts bundesweit vernachlässigt haben - nicht erst im wiedervereinigten Deutschland. Rechtsextremismus ist kein ostdeutsches Problem, auch nicht im Fußball. Aktuell sind die dramatischen Folgen von andauerndem Desinteresse jedoch wieder in Chemnitz zu erleben.

Das Trauern im Stadion war ebenso eine rechte Machtdemonstration wie die Ereignisse vor einem halben Jahr auf Chemnitzer Straßen und Plätzen, als Ultras und Hooligans das Handeln an sich gerissen haben. Damals sagte Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, gegenüber »nd«: »Dynamo Dresden und der FC Carl Zeiss Jena sind zwei sehr gute Beispiele, in denen Vereine und größere Teile der Fanszenen sich kontinuierlich und glaubwürdig gegen Rechtsextremismus eingesetzt haben. In Chemnitz war das in den letzten Jahren leider nicht zu beobachten.« Jetzt ergänzte er: »Der Verein ist ein Teil des Problems.«

Leidenschaftliche Fans hat der CFC viele. Ein glaubwürdiger Grund für die besondere Ehrung Hallers lässt sich in all den abgegebenen Erklärungen nicht finden. Stattdessen offenbart ein immer wiederkehrendes Handlungsmuster Unwillen und Unfähigkeit des Vereins. Erste Reaktion: Verharmlosen. »Die Ermöglichung der gemeinsamen Trauer stellt keine Würdigung des Lebensinhalts des Verstorbenen dar«, erklärte der Klub in einer ersten Stellungnahme. Und ergänzte: »Dies war keine offizielle Trauerbekundung.« Offizieller geht es in einer Fußballarena kaum: Ehrung durch den Stadionsprecher, Nutzung der Infrastruktur durch Videowände und musikalischer Untermalung während der Trauer, Schweigeminute.

Weil sich in diesem Fall die mittlerweile große Öffentlichkeit nicht damit zufrieden gab, musste der Verein schnell, am Sonntag, Option zwei ziehen: das Bauernopfer. Ob Thomas Uhlig wirklich nur Sündenbock ist, sei vorerst dahingestellt. Jedenfalls erklärte der Geschäftsführer des CFC seinen Rücktritt. »Um weiteren Schaden vom Chemnitzer FC fernzuhalten, habe ich die Entscheidung getroffen, mit sofortiger Wirkung alle Ämter niederzulegen. In meiner Funktion als kaufmännischer Geschäftsführer und Veranstaltungsleiter trage ich die Verantwortung für die Spieltage des CFC und dessen Begleiterscheinungen.«

Weitere Entlassungen folgten einen Tag später. Der Stadionsprecher, die Fanbeauftragte und ein Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung mussten gehen. Zugleich ging der Verein Schritt Nummer drei der Selbstverteidigung: Einnehmen der Opferrolle. Am Montag erstattete er bei der Staatsanwaltschaft Chemnitz eine Strafanzeige gegen Unbekannt - »wegen aller in Betracht kommenden Delikte«. Die Erklärung dazu: »Der Ablauf zum Heimspiel gegen VSG Altglienicke weicht so weit von unserem Sicherheitskonzept und den Vorfestlegungen und Absprachen zur Durchführung eines Spiels in der Regionalliga ab, dass es zu klären gilt, wie dies geschehen konnte.«

Ganz so ahnungslos kann der Chemnitzer FC nicht gewesen sein. Dafür spricht auch schon eine bewusste Täuschung im ersten Schritt der Verteidigungsstrategie. In der ersten Erklärung wurde von einer Übereinstimmung mit den Sicherheitsbehörden gesprochen. Der vielleicht erhoffte Schulterschluss blieb diesmal aber aus. Polizeisprecherin Jana Ulbricht widersprach: »Es sind vielmehr Bedenken von uns geäußert worden. Aber wir haben auch keine Möglichkeit, das zu verbieten.« Bereitwillig sprang der Klub am Dienstag auf diesen Zug auf. Klaus Siemon, Insolvenzverwalter des Chemnitzer FC, warb für das Gewaltmonopol des Staates in den Stadien. Das ist keine Lösung - und stellt alle Fußballfans unter Generalverdacht. Natürlich sind die Spieltage der Höhepunkt der Fußballwoche, die Arbeit aber, das kann man analog zum Training der Sportler sehen, muss im Alltag erfolgen.

So wie sich der Chemnitzer FC jetzt in höchster Not mit aller Macht seiner Verantwortung entziehen will, hat er diese Aufgabe in den vergangenen Jahren allzu sehr vernachlässigt. Thomas Hallers »HooNaRa« war als rechtsextreme Organisation bekannt, deren Rufe schallten dennoch jahrelang durchs Stadion. Nicht nur das, Hallers Sicherheitsfirma stellte dort bis 2006 zudem den Ordnungsdienst.

Natürlich darf man Fußballvereine nicht alleine lassen mit gesellschaftlichen Problemen. In Chemnitz ist das anscheinend ein größeres Problem als anderswo. Hallers Firma bekam ganz selbstverständlich auch Aufträge von der Stadt, auf Weihnachtsmärkten oder dem Stadtfest. Und welche Zeichen die Politik setzt, war am Sonnabend zu sehen. »Ruhe in Frieden«, schrieb Peggy Schellenberger auf Facebook. Sie ist SPD-Stadträtin. Der Post zu Ehren Hallers ist mittlerweile gelöscht, Fanbeauftragte des Chemnitzer FC ist sie auch nicht mehr und ihre Partei versprach, die 42-Jährige bei den kommenden Kommunalwahlen nicht mehr aufzustellen.

Auch wenn Einzelne in entscheidenden Positionen oft mitverantwortlich sind, personelle Konsequenzen genügen nicht. Denn es sind immer Strukturen, die Entwicklungen nachhaltig fördern. Im Negativen steht dafür der Chemnitzer FC. Robert Claus ist Fanforscher. Über den CFC sagt er: »Im Gegensatz zu vielen anderen Standorten in Deutschland gibt es in Chemnitz keine antidiskriminierende Ultragruppe oder Faninitiative.« Der aktuelle Skandal sei ein Ergebnis über Jahrzehnte gewachsener Probleme.

Wenn sich der Chemnitzer FC jetzt wundert, dass am vergangenen Sonnabend das Zeigen »der sonst üblichen Fahnen von bis zu 99 Fanclubs unterbunden wurde« und im Vorfeld Ausschreitungen angekündigt worden sein sollen, wenn dem Trauerwunsch nicht stattgegeben werde, dann steht er vor dem Scherbenhaufen seiner eigenen Arbeit. Natürlich reicht es nicht, sich Antirassismus und Antidiskriminierung auf die Fahnen zu schreiben oder hier und da mal ein Stadionverbot auszusprechen. Zur gesellschaftlichen Verantwortung eines Fußballvereins gehört es genauso, diejenigen Fans zu unterstützen, die offen und aktiv gegen Rechts auftreten. Das gilt für den CFC umso mehr: Er spielt zu einer erträglichen Miete im stadteigenen Stadion und wurde nicht selten mit öffentlichen finanziellen Mitteln unterstützt.

Der Verein nutzt aber oft nicht mal die einfachsten Mittel und naheliegendsten Partner. So wurde aus Sicherheitskreisen bekannt, dass das Chemnitzer Fanprojekt nicht zur Spieltagsvorbesprechung der Partie gegen Altglienicke geladen worden war. Hoffnung auf eine neue Chance hatten die Fanarbeiter nach den Ereignissen im August 2018. Hoffnung, »sich Themen wieder intensiver zu nähern und an gemeinsamen Strategien zu feilen«, wie das Fanprojekt »nd« mitteilte. Zu spüren ist davon im März 2019 nichts.

Deutlich zu spüren hingegen ist die oft herausgestellte gesellschaftliche Kraft des Fußballs, die, wie jetzt wieder in Chemnitz, auch eine große negative Wirkung entfalten kann. Vielleicht helfen ja die ganz harten Maßnahmen. Nach der Sparkasse hat ein weiterer Großsponsor des insolventen und mit 2,5 Millionen Euro Schulden belasteten Vereins seinen Rückzug angekündigt. Geprüft werde auch ein sofortiger Rückzug.

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