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Rückbau, Verlust, Ende

Können Sie noch? «Das Teemännchen» von Heinz Strunk

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eine Zeit lang gab es zwischen ihnen eine Art Wettbewerb, wer der größere Spießer ist. Es galt, den anderen mit noch ätzenderer Kleinkariertheit zu Boden zu ringen.« - »Die Leute liegen auf Badetüchern, in Strandkörben und auf mitgebrachten Campingliegen wie die Opfer eines Gasangriffs.« - »Es ist, als ginge die Hässlichkeit der Raststätte auf deren Besucher über.« - »Die Frau macht ein Gesicht wie eine leere Kiste, aus der Holzwolle quillt.« - »Ihr Rücken fühlte sich knotig an, aber besonders abtörnend war die Haut, farblos wie Schneckenfleisch, mehlig und mürbe, wie geschmolzenes Kerzenwachs.« - »Sein Gesicht ist oft so leer, als wäre er selber nicht darin.« - »Sein Schwanz ein stinkender, nasser, fettiger Pilz, mit dem er in alles eindringt, alles wegräumt, was ihm im Wege steht.«

Das sind so die Sätze, für die man Heinz Strunk schätzt. Können Sie noch? Es ist ja schließlich erkennbar weder die standardisierte »Spiegel«-Bestsellerliste-Groschenroman-Schreibe, die dem deutschen Durchschnittsleser so gut gefällt, noch die verkniffene, neobiedermeierliche Onkel-Suhrkamp-Schreibe, die uns da entgegenfällt. Bei Strunk kullern weder heiße Tränen über zarte Wangen, noch herrscht der krampfhaft tiefere Bedeutung und Wichtigkeit simulierende, frisch gescheitelte Sonntagnachmittagston, der traditionell beim hiesigen akademischen Milieu so gut ankommt.

Bei Strunk wird das Elend freimütig ausgestellt: Der Mensch ist hier zunächst einmal vernutzbare Arbeitskraft, nichts weiter. Und das, was wir Leben nennen, ist im Grunde, sieht man einmal genau hin, nur eine Vorform des Sterbens. Krankheit, Scheitern, das Altern und der Verfall des menschlichen Körpers sind ständige Themen. Das diese Kurzgeschichten und Erzählungen bevölkernde Figurenensemble Strunks setzt sich überwiegend aus sogenannten Verlierern und anderen armseligen bzw. defizitären Charakteren zusammen, die wie Gefangene ihres tristen Alltags erscheinen, also aus gewöhnlichen Menschen wie Sie und ich. In der Regel sind sie einsam oder zu zwischenmenschlichen Beziehungen nicht recht fähig, weil es ihnen an Empathie fehlt oder weil Kommunikation scheitert oder ganz ausbleibt. »Sie schlingen, stopfen, schieben, schaufeln die rot-weiß-braune Leckerei in sich rein, ohne dabei ein Wort zu wechseln. Der Gesprächsstoff ist ihnen schon vor längerer Zeit ausgegangen.«

Strunk ist - ähnlich wie Sibylle Berg in ihrem Frühwerk darin exzellierte - ein Meister, wenn es darum geht, eine Atmosphäre der Trostlosigkeit zu schaffen, in der seine depravierten, zum Unglück verurteilten Figuren (und mit ihnen die Leser) die Vergeblichkeit des Daseins erfahren. »Daraus nun besteht ihr Leben: Trübsal blasen und entweder aufs Essen oder den nächsten Schicksalsschlag warten.«

Das Schicksal der Strunk’schen Figuren besteht darin, zu verschwinden, ohne dass eine Erinnerung an sie zurückbleibt. Sie werden gewissermaßen im Lauf der Geschichte, in der sie vorkommen, weniger und weniger, bis sie schließlich verlöschen. Auch hier also: Rückbau, Verlust, Ende.

Das bei Weitem Verstörendste an dem Humoristen und Schriftsteller Heinz Strunk, dessen Kunstproduktion nicht selten irgendwo zwischen Herrenwitz, Melancholie und Totaltristesse changiert, ist die Tatsache, dass er ausgerechnet die Bücher des deutschnational-neoromantisch-reaktionären Windmachers Botho Strauß schätzt, wie Strunk selbst zugibt. Dabei handelt es sich hier um zwei Schriftsteller, die thematisch und stilistisch kaum weiter voneinander entfernt sein könnten: Auf der einen Seite der Edelkitschdichter, aus dessen larmoyanter, gewundener Blähprosa einen das bemüht Sakrale geradezu anweht, und auf der anderen der alles falsche Pathos verlachende Scherzemacher, der sich einem ebenso schonungslosen wie tragikomischen Realismus verschrieben hat. So wie es bei Strauß darum geht, die Grauheit und Grausamkeit des Lebens zu leugnen bzw. das Dasein dort, wo es Risse zeigt, mit nebelhaftem Geraune zu belegen, geht es bei Strunk gerade darum, mit dem Mittel des Erzählens unsere Hässlichkeit, Mangelhaftigkeit und Dürftigkeit sichtbar zu machen. Dafür muss man dem Mann dankbar sein angesichts eines Literaturbetriebs, der gewohnheitsmäßig jeden unbeholfen dahergestammelten Erbauungsroman und jede neue Stilblütensammlung Juli Zehs bejubelt.

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 S., geb., 20 €.

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