Ines Schmidt war die erste Fahrerin, die nach der Wiedereröffnung der Straßenbahn in den Berliner Westen fuhr.
Ines Schmidt

Konsequent für Gleichstellung

Ines Schmidt macht in bestem Berliner Dialekt Politik.

Von Marion Bergermann

Dass eine Berliner Landespolitikerin mit einer Rede einen kleinen Internethit auf Twitter landet, ist eher selten. Ines Schmidt (LINKE) aus dem Berliner Abgeordnetenhaus schaffte das, rund 36 000 mal wurde das Video, ein Ausschnitt ihrer Worte zum Frauenkampftag und der Großdemonstration am 8. März, angesehen.

»Wir sehen uns morgen 14 Uhr auf dem Alexanderplatz. Denn der Internationale Frauentag, das wisst ihr jetzt alle, ist halt ein Feiertag. Den haben wir uns verdient.« »Da ist kein Strom!«, rief Bernd Schlömer von der FDP dazwischen. »Doch, da is Strom, wirste sehen. Und wenn nicht, stellen wir dich da als Lampe uff, da kennen wir nüscht«, parierte Schmidt. Minutenlanger Applaus und Gelächter folgten. Der Zwischenruf Schlömers spielte an auf einen Stromausfall rund um den Alexanderplatz zwei Tage vor Schmidts Rede.

Ines Schmidt, 58 Jahre alt, redet so berlinerisch wie man es nur kann, wenn man in der Hauptstadt aufgewachsen ist. Dass der Tweet so viel geteilt wurde, lag vermutlich auch an ihrem ausgeprägten Dialekt. Das findet die Abgeordnete, deren großes Thema Chancengleichheit für Frauen ist, selbst praktisch. Im Jahr 2000 habe sie, bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) angestellt, einen Coach bekommen, um den Berliner Zungenschlag loszuwerden, erzählt die Politikerin. Ihre Kolleg*innen fanden ihre geänderte Sprache nicht so sympathisch. Mittlerweile macht sie »keinen einzigen Vortrag mehr auf hochdeutsch«. Denn »dieser Berliner Dialekt, das bin nun mal ich. Im Abgeordnetenhaus hat das ganze Servicepersonal zu mir gesagt ›endlich ’ne Berliner Politikerin im Berliner Abgeordnetenhaus‹«.

In diesem Parlament setzt sie sich für ein Paritätsgesetz, also die Kandidaturlisten jeweils zur Hälfte mit Frauen und Männern zu füllen, ein. Als erstes Bundesland hat Brandenburg das gerade verabschiedet. Im Abgeordnetenhaus liegt der Frauenanteil laut einer Sprecherin des Hauses bei aktuell 32,5 Prozent. »Wenn Frauen Politik machen, spielen auch weibliche Sichtweisen und Themen eine Rolle«, davon ist Schmidt überzeugt. »Im Abgeordnetenhaus werden Pflegezeiten in der Familie oder Kinder nicht immer berücksichtigt. Sitzungen gehen schon einmal bis 19 Uhr. Da müssen wir ran, Vereinbarkeit Beruf und Familie geht anders.«

Dass Ines Schmidt eine Quote und bessere Arbeitsbedingungen für Frauen wichtig findet, stammt aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit bei der BVG, wo sie halbtags noch als Diversity-Expertin tätig ist. »Obwohl viele junge Frauen bestimmt sagen, Quote ist nicht mein Ding, ich habe gelernt im Laufe der 20 Jahre als Gesamtfrauenvertreterin, dass man eine Quote machen muss. Sonst haben Frauen keine Chance. Die kommen nicht nach vorne.«

Angefangen bei der BVG hat Schmidt als Straßenbahnfahrerin. Da schlugen ihr Kollegen vor, sich in der Frauenvertretung zu engagieren. »Frauenvertretung, was is denn dat fürn Quark? Wat willse denn damit«, habe sie sich gedacht. Dann probierte sie es doch, und habe »gemerkt, dass es dort immer noch eine Menge Themen gab, wo die Frauen richtig doll benachteiligt wurden«.

Neben den großen Kämpfen für Quote und gleiche Berufsbedingungen, die Schmidt innerhalb der BVG und im Abgeordnetenhaus austrägt, gibt es die kleinen Erfolge: Poster von nackten Frauen sind aus den Hallen der BVG verschwunden. Die halbe Wand hätten die Bilder eingenommen, erzählt sie lebhaft. Vor acht Jahren bei einer Führungskräftekonferenz der BVG beschwerte sie sich: »Da ist eine junge Frau in der Ausbildung, die gerade am Drehgestell arbeitet und der Vorarbeiter steht hinter ihr, guckt oben auf das Pin-up-Girl, dann auf den kleinen Hintern der jungen Frau. Will mir jemand erzählen, dass der im Stillen darüber nachdenkt, wie er sie gut durch die Ausbildung bekommt.« Innerhalb von einer Woche seien die Poster dauerhaft verschwunden.

In Schmidts Büro an der Jannowitzbrücke steht eine Vitrine mit kleinen Berliner Bären, ihre Frau hat sie ihr geschenkt. Darunter sind Exemplare von Kolleg*innen aufgereiht. Auf dem Bauch eines Bären ist ein Porträt von ihr aufgemalt, kämpferisch das Hemd hochgekrempelt und die Faust reckend.

Dass sie so für Gleichbehandlung kämpft, hängt unter anderem mit Senf unter dem Bügeleisen zusammen. Mit 18 Jahren war sie Näherin im Volkseigenen Betrieb (VEB) Treffmodelle in der Greifswalder Straße und wechselte dann in die Bügelei. Neun Kilogramm wog das Bügeleisen, »lange bleibst du hier sowieso nicht, das hältst du nicht durch«, sagten ihre durchweg männlichen Kollegen. »Euch werde ich’s beweisen«, habe sie gedacht, und gelacht, als sie ihr Senf unter das Bügeleisen schmierten, einen Mantel auf ihrem Tisch festnagelten, ihre Schuhe zusammenbanden.

»Du musstest immer lachen, immer mithalten, und da habe ich gemerkt wie scheiße das ist.« Auch abends in die Kneipe sei sie mitgegangen. »Die Kaffeelikörs haben nicht geschmeckt, aber die Jungs haben Zehnerbatterien geschafft, also schaffte ich das auch. Ich wollte, dass die mich total akzeptieren.«

Damit es Frauen in ihren Jobs heute anders geht, setzt sie sich ein, mit Lächeln, Direktheit und Berliner Mundwerk. An diesem Wochenende ist Linksfraktionsklausur, da kann man sie erleben.