Kindertag

Den Kindern die Welt

sieben tage, sieben nächte

Von Wolfgang Hübner

Im Internet gibt es Seiten, auf denen eigenwillige, skurrile Feier-, Aktions- und Gedenktage gesammelt werden. Eine dieser Webseiten heißt www.kuriose-feiertage.de; sie zählt für den 1. Juni den Tag des Nagellacks, den Tag der Olive, den Sag-etwas-Nettes-Tag und den Weltmilchtag auf. Am 31. Mai waren unter anderem der Tag des Fahrradflickzeugs und der Artikuliere-vollständige-Sätze-Tag erwähnt, für den 2. Juni sind beispielsweise der Mach-früher-Feierabend-Tag und der Weltnaturistentag angekündigt.

Zwischen all diesen und vielen weiteren Absonderlichkeiten steht am 1. Juni der Internationale Tag des Kindes. Dieser Tag ist nun alles andere als eine Schnapsidee oder ein Werbegag. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Internationale Kindertag relativ kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs proklamiert wurde. Schließlich war das Leiden unermesslich, dem Kinder und Jugendliche im Krieg ausgesetzt waren. 1948 auf einem Kongress der Internationalen Demokratischen Frauenföderation vorgeschlagen, wurde der Kindertag – inzwischen unterstützt vom Weltjugendbund – 1950 erstmals begangen. Der Wunsch nach Frieden war immer Teil des Kindertags. Dieser wurde, staatlich gefördert, zu einem wichtigen Ereignis im politischen Kalender der sozialistischen Länder vor allem Osteuropas. Ganz im Gegensatz zum Weltkindertag am 20. September, den die UNO 1954 ausrief, auch als Reaktion des Westens auf den Internationalen Kindertag und als Gegenstück zu ihm. Der Weltkindertag fristete jahrzehntelang ein Schattendasein; die Öffentlichkeit nahm ihn sehr lange kaum zur Kenntnis.

Es ist nur auf den ersten Blick erstaunlich, dass der Internationale Kindertag den Niedergang des Staatssozialismus, die Verwerfungen der Wende- und vor allem Nachwendezeit überlebt hat. Denn das Anliegen des Kindertags hat einen system- und zeitenübergreifenden Kern: die Notwendigkeit, die Rechte der Kinder immer wieder neu zu erkämpfen. Und die um sich greifende Erkenntnis, dass nur eine Gesellschaft, die den Ansprüchen, den Bedürfnissen und Perspektiven der Kinder gerecht wird, ernsthaft für die Zukunft vorsorgen kann.

1986, als Herbert Grönemeyers Song »Kinder an die Macht« herauskam, in Zeiten atomarer Hochrüstung, war das Wort Nachhaltigkeit noch kaum bekannt. Heute, da Kinder und Jugendliche massenweise für eine Klimawende, für ihre Zukunft demonstrieren und damit die Politik unmittelbar beeindrucken und beeinflussen können, ist Nachhaltigkeit in jeglicher Hinsicht – ernst gemeint und nicht als Floskel benutzt – ein Schlüsselbegriff.
Wir widmen Teile dieser Ausgabe von nd.DieWoche dem Internationalen Kindertag. Eine unterhaltsame und aufschlussreiche Lektüre wünscht Wolfgang Hübner.