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Konferenz: Feminismus ist Klassenkampf

Marxistinnen haben die Verbindung von Geschlechterbefreiung und Revolution diskutiert

  • Von Julian Seeberger
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Das muss eine deutsche Sache sein: Über Utopie zu reden, ist ein bisschen wie über Pornografie zu reden - man wird immer direkt ganz beschämt«, sagt Eva von Redecker lachend, und das Amüsement breitet sich im vollen Saal im »nd«-Gebäude in Friedrichshain aus. Fast 200 Interessierte, vor allem junge Menschen, folgen an diesem Samstag der Podiumsdiskussion mit der marxistischen Philosophin. Unter dem Titel »Feminism is Class War« hatte die Gruppe »Theorie Organisation Praxis B3rlin« (TOP) drei junge Wissenschaftlerinnen zum Dialog geladen, bevor am Sonntag Workshops und eine weitere Diskussion folgten. Vielmehr ging es um den Weg zur befreiten Gesellschaft als um die Utopie selbst.

Hintergrund der Veranstaltung war ein theoretischer Prozess, der zu der Überzeugung geführt habe, dass die Frage, wer in naher Zukunft das revolutionäre Subjekt sein könnte, vor allem feministisch zu beantworten sei, erklärt Ulrike Sommer, Sprecherin der TOP dem »nd«. »Wir glauben, dass der Kapitalismus zwangsläufig mit patriarchalen Strukturen einhergeht, und dass Frauen eine große Rolle in vergangenen und zukünftigen Klassenkämpfen spielen«, ergänzt sie.

Bewegungen wie jüngst der Frauenstreik oder Kämpfe um Wohnraum hätten gezeigt, dass Klassenkämpfe längst im Bereich der Reproduktion angekommen seien, hatte die Gruppe im Ankündigungstext festgehalten. Die Gruppe kritisiert: »Wenn Arbeiter*innen Geschlechterungerechtigkeiten abtun und Feminist*innen den Blick verlieren für die fundamentalen Zwänge der Lohnarbeitenden im Kapitalismus, so entgeht beiden eine wirkungsvolle Synthese.«

An der Suche nach dieser Zusammenführung beteiligten sich am Samstagabend neben der Philosophin Redecker auch Bafta Sarbo von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Ines Schwerdtner vom sozialistischen Ada-Magazin. Sie spannten weite Horizonte, berichteten von europaweiten Diskussionen, blickten bis zu Arbeitskämpfen in Bangladesch oder Indonesien, und gaben ein Verständnis dafür, wie weitreichend die Veränderungen sind, die die stetig anschwellende Macht der Megakonzerne des Hightech-Kapitalismus mit sich bringt - wie etwa jene der Google-Mutter Alphabet.

Einzig die akademisch-elitäre Sprache der Teilnehmenden wirkte an diesem Samstagabend befremdlich. Damit ging einher, dass Abstraktionen mehrfach verunklarten, wo veranschaulichende Beispiele oder Möglichkeiten geholfen hätten.

Schnell einig wurde sich das Podium darüber, dass der Titel ihrer Diskussion mehr provokativer Natur war. Angesichts der Dominanz eines liberalen oder rein identitätspolitischen Feminismus kämen klassenkämpferische Aspekte häufig zu kurz - leider.

Dabei erinnerte Bafta Sarbo daran, dass die arbeitende Klasse selbst schon intersektional zusammengesetzt ist, also dass sich verschiedene Diskriminierungen, denen Personen ausgesetzt sind, überkreuzen und zu unterschiedlichen Unterdrückungserfahrungen führen. »Wenn wir von feministischem Klassenkampf sprechen, kann das nicht heißen, andere Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen zu dethematisieren oder wieder zwischen Haupt- und Nebenwidersprüchen zu hierarchisieren.« Viel mehr müssten Antirassismus, Antifaschismus und Antisexismus als Ermöglichungsbedingungen für Klassenkämpfe zwingend mitgedacht werden, denn: »Eine gespaltene Klasse ist machtlos«, sagte Sarbo.

Redecker ergänzte, dass zudem Feminismus schon seit Jahrhunderten die eigentumsförmige Aneignung der Arbeitskraft von Frauen durch die Männer problematisiere, wenngleich diese nicht in dem Maße geschehe, wie im Falle der Versklavung schwarzer durch weißer Menschen. Im Lichte dieser Konflikte sei es zumindest zutreffend, den Titel der Veranstaltung umzukehren: »Antifeminismus ist Klassenkampf von oben«.

Dennoch dürften auch Konflikte innerhalb der lohnabhängigen Klasse nicht umgangen werden, meinte schließlich die Autorin Ines Schwerdtner: »Ich bin für eine zärtliche Revolution. Aber wenn es um Privilegien geht, kann es auch ruppig werden.«

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