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Aus dem Dunkeln

Doch, doch, die DEFA hatte auch Regisseurinnen: Der wichtige Sammelband »Sie«

  • Von Gerda Lehmann-Senftenberg
  • Lesedauer: 5 Min.

»Frauen machen keine Filme«, bekam Eva Fritzsche zu hören, als sie 1948 bei der DEFA vorsprach. Im Grunde genommen gerät diese Auffassung erst seit Kurzem ins Wanken, durch Initiativen wie Pro Quote Film.

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Cornelia Klauß/Ralf Schenk (Hg.): Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme.
Bertz + Fischer, 416 S., geb., 29 €.

Eva Fritzsche hat dann aber doch Filme gemacht, unter anderem 1949 »Die Brücke von Caputh«, den der Autor Günter Jordan »einen der interessantesten Dokumentarfilme aus dieser Zeit« nennt. Er liegt nun, zusammen mit 17 weiteren weitgehend unbekannten, frisch restaurierten und digitalisierten Werken, als Doppel-DVD dem soeben erschienenen Kompendium »Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme« bei.

Die Herausgeber Cornelia Klauß und Ralf Schenk entreißen 63 Filmemacherinnen buchstäblich dem Dunkel der Geschichte. Ein paar wenige bekannte Namen wie die von Helke Misselwitz, Iris Gusner, Barbara Junge, Annelie Thorndike oder Gitta Nickel befinden sich darunter, von der Mehrzahl aber hat man noch nie etwas gehört.

Das liegt vor allem daran, dass sie eben in den seltensten Fällen die ganz großen Filme gemacht haben, machen durften. Selbst wenn sie einen Stoff entwickelten, ist zu erfahren, wurde der Film dann oft an männliche Kollegen vergeben. Frauen mussten sich erst bewähren: als Regieassistentin, Dramaturgin oder Schnittmeisterin. Viele gelangten in diesen Professionen zur Meisterschaft - nur wenige schafften den Sprung ins Regiefach. Ihr Anteil an den Filmen der Herren ist zudem größer, als die Credits vermerken. Ella Ensink: »Die Regisseure gingen immer schon früher weg, und ich machte den Film zu Ende.«

Als normal galt es auch, dass Frauen zunächst im Kinderfilm eingesetzt wurden oder für das »Sandmännchen« produzierten. Muss man noch erwähnen, dass auch hier - im scheinbar Kleinen - Großes entstand, das aber in der Rangordnung der Genres ziemlich weit unten steht? So hatten Marion Keller und Renate Wekwerth an der Spitze der Wochenschau »Augenzeuge« entscheidenden Anteil daran, dass diese ein »sensationelles« Niveau erreichte. Gebührende Anerkennung oder gar Karriere blieben aus, Keller wurde gar von Männern aus dem Amt gemobbt. Indem solche Geschichten nun erzählt werden, leistet das Buch Unschätzbares.

Dabei geht es natürlich um die Frage der eigenen Handschrift, des »weiblichen Blicks«. Bei den Regisseurinnen, die noch befragt werden konnten und die ihre Emanzipation hart erkämpften, ist ein Bewusstsein darüber kaum vorhanden - eher die Befürchtung, als »Emanze« betrachtet zu werden. Insofern sind sie Töchter ihrer Zeit. Leider reproduzieren die Herausgeber aber Stereotype, die sie doch hinterfragen wollten, wenn sie schreiben, dass Frauen bei der DEFA oft Frauenthemen in den Blick genommen hätten - und den Begriff nicht einmal in reflektierende Anführungszeichen setzen. Zumal ihre akribische Detektivarbeit anderes zutage fördert: Denn es waren wiederum vielfach Frauen, die in der DDR populärwissenschaftliche, Industrie- und Lehrfilme herstellten.

Interessant werden die Einzelporträts immer dann, wenn sie in die Tiefe gehen und zum Beispiel in diesen scheinbar schnöden Gebrauchsfilmen eine eigene Handschrift oder eine expressionistisch anmutende Montagetechnik ausmachen. Immer wieder stellt sich - auch in den Texten - die Frage, welch großartige Werke zumindest eine Reihe dieser Regisseurinnen hätte schaffen können, wenn sie die Möglichkeit bekommen hätten. Die wenigen, denen sie gegeben war, hatten dennoch mit Hindernissen zu kämpfen oder waren - wie Barbara Junge bei der Langzeitdokumentation »Die Kinder von Golzow« wiederum mit »Aufräum-, Such- und Ordnungsarbeiten« beschäftigt. Internationale Preise für Filme von Frauen wurden hingegen zumeist von der männlichen Studioleitung vor Ort in Empfang genommen.

Naturgemäß sind die Beiträge so einer Textsammlung von sehr unterschiedlicher Qualität. Manchmal hätte man sich mehr gewünscht als die stupide Aufzählung von Lebensdaten. Oft sind Letztere unbekannt, und das wirklich Interessante - was glücklicherweise in den meisten Beiträgen gelingt - ist eben die Einordnung der Bio- und Filmografien in das Schaffen der jeweiligen Generation, das Herstellen von Zusammenhängen, das Hinterfragen von Fakten und die Einordnung ideologischer Verwerfungen (zum Beispiel, was die Werke von Annelie Thorndike und Gitta Nickel betrifft). Weibliche Filmgeschichte, wird deutlich, muss man offenbar anders recherchieren und erzählen. Sie verlangt, wirklich alle Genres gleichrangig in den Blick zu nehmen - was hier auch mit den Animationsfilmregisseurinnen hervorragend gelingt!

Das Werk versucht in der Auflistung aller 63 Bio- und Filmografien, historische Gerechtigkeit herzustellen, was ehrenwert ist. Interessanter wäre vielleicht gewesen, bestimmte Linien thematisch zu verfolgen, tiefer zu bohren, statt eine in der Masse ermüdende Flut von Fakten mitunter nur aufzuzählen. Denn wenn dies ein Kompendium sein soll, vermisst man ein Ordnungsprinzip. Und wer sollte einen Namen nachschlagen, den er (aus den genannten Gründen) gar nicht kennt?

Ärgerlich ist die undifferenzierte Verwendung des Begriffs Dokumentarfilm in den Filmografien für alle dokumentarischen Formen, zumal die Texte oft weiter sind und beispielsweise beschreiben, dass einem Reportageformat »ein Dokumentarfilm abgerungen« wurde. Dennoch ist dies ein Werk, dessen Verdienste nicht hoch genug zu bewerten sind. Wenn schon die Geschichte einer Produktionsfirma eigentlich neu und anders erzählt werden muss - was ist dann mit unserem Blick auf alle anderen Bereiche der Vergangenheit?

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