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In stiller Ekstase

Mit Angela Krauß taucht man voller Genuss in einen lyrischen Strom

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich halte Mittagstisch am Platz neben dem Klavier« - so beginnt das Buch, und so endet es auch. Als ob die Handlung in diesem französischen Restaurant in Leipzig spielen würde, inspiriert von Monsieur le Patron, der für die Autorin das Menü zusammenstellen darf. Dem ist natürlich nicht so - weil Angela Krauß eine Dichterin ist, die mit jeder Textzeile viel mehr sagt, als die Worte ausdrücken. Das schmale Bändchen will sozusagen die ganze Welt erfassen, ihre ganze Welt, die sie sich schreibend »voller Seelenverwandter« erhofft. Von existenzieller Bedeutung ist diese Vorstellung, denn eigentlich ist sie allein, im Literarischen zumindest. So muss es sein.

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Angela Krauß: Der Strom. Suhrkamp, 93 S., Leinen., 20 €.

Im Sein aber steckt immer auch Sehnsucht nach anderem. Seit Jahrzehnten wohl lebt Angela Krauß in diesem Leipziger Stadtviertel. Gedächtnisbilder flackern auf: die Elefanten im Zoo, die sowjetische Kommandantura. Das französische Restaurant könnte sich am Ort der Stolowaja, des einstigen Speisesaals, befinden. Auch den kleinen, russisch sprechenden Mädchen mit den großen roten Haarschleifen ist man in früheren Büchern von Angela Krauß schon begegnet. Erinnerungen, die dazugehören, wenn gegenwärtige Befindlichkeit erkundet werden soll. Wie wäre es, wenn man nachts durch dieses Viertel ginge und in himmelblauem Licht tauchte der einstige sowjetische Kommandant auf? »Ich war hier einst stationiert, aber die Russen sind fort. Sind Sie der letzte Russe? Ich bin der Abdruck, nur Sie sehen mich jetzt.« Also wird er nach Zukunft befragt. »Der eine setzt keinen Fuß vor die Tür, der andere rennt alle Türen ein, die Menschen sind verschieden. Wie sie reagieren werden, wenn sie es erfahren, wer sie sind und wo sie sich eigentlich befinden, ist völlig unvorhersehbar.«

Wie die Zeiten zusammenfließen! Die tote Mutter bleibt doch lebendig. »Ihre Gegenwart ist eine fröhliche Tatsache.« Und der Vater ist »eine weiße Schaumkrone am Horizont« des Weltmeeres. »Nichts ist vergessen, nicht die Kabelbäume, die Rangierzüge, das Erzgebirge meines Vaters, Knöpfe seiner Uniform, nicht die vergitterte Birne über den Bunkeröffnungen, die langwehenden Rußflaggen, das Kantinenessen und der Mut, dies alles Gegenwart zu nennen, der eine leuchtende Zukunft folgt.« Alles lebt weiter, aber es gibt auch kein Verweilen. Wer Angela Krauß’ frühere Texte kennt, wird gewiss sein, sie auch hier in einem Schweben zu erleben - in einem Strom, der sie durchfließt und trägt.

»Das Vergnügen«, so hieß 1984 ihr erstes Buch. Fast zwanzig weitere folgten diesem, erwachsen aus dem Vergnügen, in Sprache sich selbst zu erkennen. »Das Leben wird unnachahmlicher, je länger es dauert: exaltiert und erlesen, von stiller Ekstase.« Doch immer bleibt der Verdacht, in schöpferischer Abgeschiedenheit Wesentliches zu verpassen. Dass eine »Askese« zu durchbrechen wäre, wird hier nicht nur einmal gesagt. »Man möchte tanzen, doch man denkt zu viel.«

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