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Wie ein Jugendamt versagte

Kindesmissbrauch auf Campingplatz in Lügde: Trotz Hinweisen auf Pädophilie wurde nicht eingegriffen

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 2 Min.

War es Faulheit, Ignoranz, Schlamperei? Oder weshalb ist das Jugendamt des niedersächsischen Kreises Hameln-Pyrmont Hinweisen auf die Pädophilie des mutmaßlichen Haupttäters im Fall des massenhaften Missbrauchs in Lügde nicht konsequent genug nachgegangen? Dass Mitarbeiter jener Behörde Fehler begangen hätten, hat ihr oberster Vorgesetzter, Landrat Tjark Bartels (SPD), jetzt erstmals eingeräumt.

Die Gesamtwürdigung aller Hinweise auf den 56-Jährigen, der seine Pflegetochter nicht nur missbraucht, sondern auch zum Anlocken weiterer Opfer eingesetzt haben soll, hätte ein ein Einschreiten erfordert, bekannte der Behördenchef. »Aber das ist nicht erfolgt«, sagte er am Dienstag vor der Presse. Die mehr als 1000 Sexualstraftaten an mindestens 34 Kindern waren zwar in Nordrhein-Westfalen begangen worden, doch: Die inzwischen neunjährige Pflegetochter des 56-Jährigen stand unter der Obhut des Hamelner Amtes, das im benachbarten Niedersachsen sitzt.

Erhalten hatte es den ersten Hinweis zu Übergriffen an dem Mädchen, das auf Wunsch seiner Mutter bei dem Mann auf dem Campingplatz lebte, im August 2016 vom Kinderschutzbund. Wenige Wochen später äußerte auch eine Psychologin des Kindergartens, den die Kleine besuchte, einen entsprechenden Verdacht. Der dritte Hinweis kam Ende des selben Jahres von einer Mitarbeiterin des Jobcenters. Ihr gegenüber hätte der Beschuldigte, der mit zwei mutmaßlichen Mittätern in Untersuchungshaft sitzt, über das Mädchen geäußert: »Für Süßigkeiten macht sie alles«.

Das Amt sei den Informationen nachgegangen, so der Landrat, es habe aber jedes mal resümiert: Eine Gefährdung des Kindeswohls liege nicht vor. »Eine falsche Würdigung«, konstatierte Bartels. Er hat inzwischen eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter des Jugendamtes freigestellt. Beide sollen Akten im Fall Lügde manipuliert haben. Der Frau wird vorgeworfen, sie habe eigenmächtig einen Vermerk über die mögliche Pädophilie des Pflegevaters gelöscht.

Vorwürfe gibt es im Zusammenhang mit dem Campingplatz-Skandal auch gegen die Polizei. Bei ihr sollen wichtige Beweismittel abhanden gekommen sein: 155 Datenträger aus dem Besitz des 56-Jährigen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) geht laut einer WDR-Meldung davon aus, dass die DVDs und CDs »gezielt entwendet« wurden. Erschüttert ist Reul von einem aktuellem Vorfall in Nordrhein-Westfalen, der das Image der Polizei weiter belastet: Ihr ist ein Kollege aufgefallen, der mit Lügde nichts zu tun hat, wohl aber mit Kinderpornographie. Wegen Besitzes solchen Materials ist er suspendiert worden, bestätigte der Minister.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) kommentierte die Ausführungen des Hamelner Landrats: Ihr sei unverständlich, wie das Jugendamt drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte. Das sei inakzeptabel, so die Ressortchefin.

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