sieben tage, sieben nächte

Immer älter

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Alter.

Von Wolfgang Hübner

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist nicht der Kommunismus; der ist gerade nicht so gut zu Fuß. Es ist auch nicht der Brexit; über den lachen nur noch alle. Nein, es ist das Alter. Die Presse beobachtet das Phänomen schon länger. »Die Stadt wird immer älter«, meldete die »Märkische Allgemeine Zeitung« über Hennigsdorf. »Sänger werden immer älter«, teilte die »Neue Presse Coburg« über den Sängerkreis Coburg-Kronach-Lichtenfels mit. Der erschreckende Trend ist allumfassend, die Schlagzeilen beweisen es. Arbeit beispielsweise schützt nicht, sie schadet womöglich sogar, denn: »Beschäftigte werden immer älter«. Sportliche Betätigung ist auch kein Ausweg: »Die Fußballer werden immer älter«. Weder die Flucht in die Großstadt (»Karlsruher werden immer älter«) noch in die Provinz (»Sprockhövel wird immer älter«) ist eine Alternative. Sinnvolle Freizeitbeschäftigungen helfen nicht (»Briefmarkensammler werden immer älter«), politisches Engagement nicht (»CSUler werden immer älter«), Fortpflanzungsversuche auch nicht (»Erstgebärende werden immer älter«). Medizinische Kenntnisse nutzen ebenso wenig (»Deutschlands Ärzte werden immer älter«) wie Vermögensbildung (»Eigentümer werden immer älter«). Selbst das Alter bietet keine Sicherheit, fand die »Neue Zürcher Zeitung« heraus: »Die Superalten werden noch älter«. Kurz gesagt: »Menschen werden immer älter« (»Augsburger Allgemeine«) - oder, wie die »Süddeutsche Zeitung« ultimativ konstatierte: »Die Welt wird immer älter«.

Fragt sich nur: Wer soll das bezahlen? Die Jugend jedenfalls nicht. Der neue Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban - bei Amtsantritt 31 Jahre alt, was beweist, dass auch die Nachwuchspolitiker immer älter werden - hat als erste Amtshandlung eine Grundrente für arme Rentner abgelehnt. Die Jugend muss auch mal an sich selbst denken. Einer seiner Amtsvorgänger hatte vor Jahren schon den Alten nahegelegt, auf künstliche Hüftgelenke, bezahlt aus der Krankenkasse, zu verzichten.

Was bleibt den immer älter Werdenden? Natürlich: vorsorgen. Dafür hatte die auch nicht gerade jünger werdende »FAZ« jetzt einen aktuellen Finanztipp: Kaufen Sie sich eine Burg. Vorgestellt wird ein »Normalbürger«, der einen Kredit aufgenommen hat, um den »mittleren sechsstelligen« Kaufpreis zu begleichen. Klingt vielleicht erst mal herausfordernd, aber: »Denkmäler behalten ihren Wert, sie sind solide gebaut«, sagt ein Experte. Ach so: Wenn schon, dann sollten auch ein Seeufer und Platz für Pferde dabei sein.

Die Frage ist nur: Reicht eine lumpige Burg als Absicherung? Denn »Werden wir bald 140 Jahre alt?«, fragte ntv besorgt. Und der »Focus«: »Leben wir alle bald 200 Jahre?« Sollte es soweit kommen, verehrte Immerälterwerdende, dann geht der Trend eindeutig zum Zweitschloss.