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Nicht zurück in die Hölle

Der Tanker «El Hiblu 1» rettete 108 Flüchtlinge und brachte sie nach Malta

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

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Von einem «Akt der Piraterie» sprach der italienische Innenminister Matteo Salvini. Auch mehrere deutsche Medien berichteten von einem «gekaperten Schiff». Der Tanker «El Hiblu 1» hatte am Mittwoch 108 Flüchtlinge in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste gerettet. Die Menschen waren auf zwei Schlauchbooten in Seenot geraten. Nach der Rettung hat das Handelsschiff nicht wie ursprünglich geplant Libyen angelaufen, sondern Kurs nach Norden gesetzt. Kurz bevor das Schiff Malta erreichte, hat die Armee des Inselstaates die Kontrolle übernommen. Der Tanker wurde nach Malta eskortiert.

Richard Brenner ist Maschinist der Organisation «Lifeline». Das von den Behörden festgesetzte Rettungsschiff liegt im Hafen von Valetta. Direkt neben den Seenotrettern machte die «El Hiblu 1» am Donnerstag fest. Er beschreibt die Szenerie am Hafen wie folgt: «Alles war voller Militär, mindestens 40 Soldaten mit Maschinenpistolen waren vor Ort.» Angesichts der Situation in Libyen sei das Anlanden der «El Hiblu 1» ein absoluter Hilfeschrei. Die Flüchtlinge seien völlig verängstigt gewesen, als sie von Bord gingen. Die 108 Menschen, darunter zwölf Kinder und 19 Frauen, durften zwar von Bord gehen, einige küssten beim Verlassen des Schiffs den Boden. Fünf von ihnen wurden allerdings festgenommen - weil sie den Kapitän des Schiffes gezwungen haben sollen, das Schiff nach Malta statt in Richtung Libyen zu steuern.

Vor allem eine Mitteilung des maltesischen Militärs gab später Medien und Politikern Munition für ihre Aussagen, das Schiff sei gekapert und von den Flüchtlingen gegen den Willen der Besatzung übernommen worden. Dort hieß es, die Crew der «El Hiblu 1» sei von den Geretteten «bedroht» worden, woraufhin das Militär das Boot gestürmt und dem Kapitän des Schiffes die Kontrolle zurückgegeben habe.

Haben die Flüchtlinge das Schiff unter ihre Kontrolle gebracht und die Besatzung bedroht? Die Crewmiglieder der Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline haben andere Zeugnisse. Sie sprachen nach dem Einsatz mit der Besatzung der «El Hiblu 1». Gegenüber «nd» sagte Axel Steier, die Crew der «El Hiblu 1» habe ihm gegenüber beteuert, dass es definitiv keine Gewalt gegeben habe. Mehrere Flüchtlinge hätten mit der sechsköpfigen Mannschaft verhandelt und mit ihnen die Entscheidung gefällt, nach Norden zu fahren und nicht nach Libyen, was der ursprüngliche Kurs des Tankers gewesen sei. Die maltesischen Sicherheitsbehörden haben nach nd-Informationen fünf Flüchtlinge festgenommen und in Handschellen abgeführt. Diese hätten auch die Gespräche geführt.

Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Eye erklärte, ihr Rettungsschiff «Alan Kurdi» habe den Funk zwischen der «El Hiblu I» und einem europäischen Marineflugzeug mitgehört. Der Tanker sei dabei über die Position von zwei in Seenot geratene Schlauchbote in Kenntnisse gesetzt worden. Das Flugzeug forderte den Kapitän der «El Hiblu 1» auf, den Menschen zu helfen, da sie in Lebensgefahr seien und die libysche Küstenwache «out of service» (zu Deutsch: «nicht im Einsatz») wäre. Der Kapitän des Schiffes rettete die Menschen und forderte Unterstützung an. Er teilte über Funk unmissverständlich mit, dass die Menschen sehr aufgebracht seien und nicht zurück nach Libyen gebracht werden wollen.

Das ist nicht neu. Zahlreiche im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge haben sich in den vergangenen Monaten dagegen gewehrt, in Libyen an Land zu gehen. Die Behörden dort setzten deshalb auch Gewalt bei ihrer Ankunft ein. Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch verweist darauf, dass Rückführungen nach Libyen illegal sind, Geflüchteten drohe dort Folter und Mord. Daher hätten die Geretteten «in Notwehr» gehandelt.

Ähnlich äußert sich Michel Brandt, Obmann im Menschenrechtsausschuss des Bundestages für die LINKE. Die Menschen hätten nur ihre Menschenrechte wahrgenommen, indem sie sich weigerten, illegal nach Libyen zurückgebracht zu werden. «So etwas passiert, wenn die EU Menschen auf der Flucht ihre fundamentalen Rechte auf Schutz und Asyl in Europa verwehrt», so der Parlamentarier. Die EU mache sich mitverantwortlich an schwersten Menschenrechtsverbrechen wie Folter, Sklaverei oder Mord, wenn Sie daran mitwirke, Gerettete nach Libyen zurückzubringen. Um Aktionen wie bei der «El Hiblu 1» künftig zu vermeiden, «braucht es sichere Fluchtwege nach Europa und eine EU-weite, zivile Seenotrettung zur Beendigung des Massenmords auf dem Mittelmeer, sagte Brandt gegenüber »nd«

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