Kosovokrieg

Vom Schreiben im Krieg

Was sich 1999 in den Redaktionen abspielte – und welche Folgen das hat.

Von Velten Schäfer

Am Beispiel des Kosovokriegs, der vor 20 Jahren voll entbrannt war, lässt sich gut das Altern ermessen. Das zeigt sich dieser Tage in vielen Gesprächen. Wer heute jünger ist als 40 Jahre, wundert sich zuweilen über die Emotionalität, die die Alterskohorten oberhalb der 40 bei diesem Thema zum Teil an den Tag legen. Denn die Jüngeren sind mit einer Normalität aufgewachsen, die es vor dem Frühjahr 1999 nicht gab: Dass es sich »der Westen« - ob im Rahmen der NATO oder in Ad-hoc-Koalitionen - im Prinzip jederzeit vorbehält, Regierungen zu stürzen und innere Konflikte souveräner Staaten zum Anlass kriegerischer Handlungen in und gegen diese zu nehmen.

Durchgesetzt wurde diese Normalität im Kosovokrieg - und neben geostrategischen Szenarien gehörte wohl sie selbst zu dessen Motiven. Ihre Macht zeigt sich immer dann, wenn selbst kritisch denkende Angehörige der jüngeren Generationen über Formulierungen wie zuletzt diejenige nicht mehr stolpern, dass die USA ein »Eingreifen« in Venezuela »erwägen«. Obwohl Sprachsensibilität heute so wichtig ist, scheint es offenbar selbstverständlich, dass die »Option« einer völkerrechtswidrigen Militäraggression hin und wieder »auf dem Tisch liegt«.

Dass hingegen die Älteren bei diesem Thema mitunter in Wallung geraten, liegt wohl daran, dass sie dabei waren, als diese Normalität durchgesetzt wurde. Und zwar nicht nur beobachtend, sondern teilnehmend - denn ein Hauptschauplatz dieses Krieges waren die Medien in den NATO-Staaten.

Um deren Öffentlichkeiten davon zu überzeugen, sich nach dem Verlust des Feindes als globales Interventionsbündnis aufzustellen, musste geradezu die »humanitäre« Karte gespielt werden. Und besonders drastisch musste das in Deutschland ausfallen. Hier ging es immerhin darum, erst gut 50 Jahre nach dem Nazireich den Krieg als Mittel der Politik zu rehabilitieren.

In den Redaktionen war man nun plötzlich damit konfrontiert, dass aus den Ministerien und Parlamentsbüros, die man sonst kritisch, aber doch mit Vertrauen begleitete, teils im Wochentakt haarsträubende, unglaubliche Meldungen über »Serben-KZs« und Ausrottungspläne drangen. Viele Medienschaffende rangen ehrlich mit sich - aber nur wenige waren, als sich viel davon später relativierte oder als falsch entpuppte, zu ehrlicher Selbstkritik bereit. Nachdem man den Rubikon einmal überschritten hatte, wollte man sich nicht beim Zurückwaten noch einmal nasse Füße holen.

Dass es nicht nur »weiche« Sprechverbote gab, zeigt der oben im Faksimile dokumentierte Text von Stephan Kaufmann. Der heutige Mitarbeiter dieser Zeitung war ein gestandener Journalist. Doch sein Leitartikel für die - damals beachtete - »Berliner Zeitung«, in dem er die »humanitäre« Rhetorik angriff, passte nicht in den Meinungs-Korridor von 1999. Dieter Schröder, Herausgeber des damaligen Flaggschiffs von Gruner & Jahr, las den Text in der überregionalen Ausgabe und ließ ihn für das Hauptverbreitungsgebiet streichen. Heute weiß man um Schröders Mitgliedschaft im Verein »Atlantikbrücke«.

»Die Stimmung in der Redaktion« sei »vergiftet«, viele hätten »Angst um ihren Arbeitsplatz«, kommentierten Ende April anonyme Quellen diesen Vorgang gegenüber der »taz«. Doch ließen sich auch dort spezielle Erfahrungen machen: Ausgerechnet im Auslandsressort hatte sich der Autor dieser Zeilen verdingt, um journalistische Gehversuche zu unternehmen. Dass ihm die Ressortleitung beschied, dass er selbstverständlich nicht seine unausgegorene Meinung zum Kosovo ins Blatt gießen dürfe, sah der Praktikant noch ein. So tigerte er durch die Flure, um sich weiter hinten Gehör zu verschaffen - nicht ganz erfolglos: Eine Glosse über den Boulevard, der von 1998 auf 1999 die »Kosovo-Albaner« von messerstechenden Hütchenspielern zu unschuldigen Opfern umgeschrieben hatte, kam auf der Medienseite. Ein Kommentar über die offiziösen Hitlervergleiche lag wochenlang herum, bis er zum 8. Mai ins Blatt gelangte - freilich ohne Rücksprache der Pointe beraubt, die die damalige Debatte um das Holocaustmahnmal auf diese Rhetorik bezog. Stattdessen wurde am Ende des Artikel vermerkt, der Autor sei »Praktikant der taz-Redaktion«. Sein unilaterales Ende fand dieses Praktikum im Zusammenhang mit einem Interview, in dem ein »kosovarischer Sicherheitsexperte« Bodentruppen forderte. Nach kritischen Anrufen unterstellte die Ressortleiterin dem Praktikanten, er habe beim Kürzen des Textes absichtlich zugespitzt, um die Position des Interviewten zu diskreditieren. Ein Schnellgericht am CvD-Tisch ergab zwar, dass dem nicht so war. Doch herrschte der Diensthabende den über die Unterstellung klagenden Praktikanten an: »Schweig still, Bub!«

Dass da der Praktikant beschloss, jetzt erst recht Journalist zu werden - wenn auch kein liberaler -, gehört nicht zu den bedeutenden Folgen dieses Frühjahrs. Diese bestanden etwa in der »Regierungsfähigkeit« der Grünen - und in der Etablierung einer »humanitär« ideologisierten Öffentlichkeit, die das Reden über Geostrategie schon fast in die Ecke der Verschwörungstheorie stellt, obwohl dieselbe das klassische Motiv von Außenpolitik ist.

Vielleicht legte dieser merkwürdige, einseitig und aggressiv moralisierende Diskurs auf der anderen Seite schon die Saat für den massiven Vertrauensverlust »der Medien«, der 15 Jahre später anhand eines weiteren außenpolitischen Konflikts manifest wurde, nämlich der Ukrainekrise. Dann müsste man festhalten, dass der Schreib- und Sendefrühling von 1999 bis heute fortwirkt - als Gefährdung der Demokratie.