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Auf die Straße für Aldi!

Protest in Berlin-Kreuzberg - Discounter in der Markthalle könnte Anwohnern erhalten bleiben

  • Von Mischa Pfisterer und Rainer Rutz
  • Lesedauer: 7 Min.

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Der Protest gegen die Kündigung des Mietvertrags eines Aldi-Supermarkts in der Markthalle Neun in der Kreuzberger Eisenbahnstraße trieb Hunderte Menschen von Jung bis Alt auf die Straße. Unter ihnen die Rentnerin Wiebe Kuklinsky, die nur wenige Meter von der Markthalle entfernt wohnt: »Ich demonstriere für den Aldi. Ich bin gehbehindert und wüsste nicht, wie ich an meine Lebensmittel komme, wenn der Aldi schließt.« In etlichen Redebeiträgen forderten die Anwohner die Rücknahme der zum 30. Juli ausgesprochenen Kündigung: »Wir wollen eine echte Markthalle, eine Kiezmarkthalle, mit täglichen Angeboten zur Nahversorgung, die auch für uns Anwohner erschwinglich sind! Wir wollen keine Luxus-Food-Halle mit Event-Spektakeln.« Denn genau das sei die Markthalle Neun heute.

Kreuzberger, die für Aldi auf die Straßen gehen? Da hat sich seit Anfang März viel angestaut. Petitionen im Internet, Unterschriftenlisten in den Spätis rund um den Lausitzer Platz, Plakataktionen im gesamten Stadtteil: Seit Wochen machen Anwohner mobil gegen die Betreiber der Markhalle Neun. Bernd Maier, Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen stehen unter Druck. Im Gespräch mit dem »nd« machen sie den Anwohnern nun ein konkretes Gesprächsangebot: »Wir wollen einen ergebnisoffenen Prozess mit den Anwohnern. Ergebnisoffen heißt für uns: Am Ende könnte auch der Erhalt des Aldi-Marktes stehen«, sagen Niedermeier und Driessen.

Gelegen in der Kreuzberger Luisenstadt, 1891 eröffnet, hatten einst 300 Stände Platz in der Gründerzeit-Halle. Den Anwohnern der damaligen Arme-Leute-Gegend bot sich auf 3500 Quadratmetern Grundfläche eine bis dahin nicht gekannte Auswahl an Lebensmitteln. Es waren die katastrophalen hygienischen Verhältnisse auf den Wochenmärkten, die auf diese Weise bekämpft werden sollten. Und es sollte eine stabile Versorgung mit preiswerten Lebensmitteln gesichert werden.

Und heute? Zu teuer, zu abgehoben, zu wenig auf die Bedürfnisse des Kiezes ausgerichtet. Das sind kurz gefasst und nicht erst seit gestern die Vorwürfe gegen die Betreiber der Markhalle Neun. Und jetzt auch noch die Sache mit Aldi. 1977 ist der Discounter in die Eisenbahnmarkthalle eingezogen. Ende Juli soll nach 42 Jahren Schluss sein. Das bestätigt Verena Lissek, Sprecherin von Aldi Nord, dem »nd« auf Anfrage. »Natürlich würden wir gern weiterhin als attraktiver Nahversorger für unsere Kunden vor Ort sein.«

Attraktivität - das ist in der Aldi-Filiale so eine Sache. Mit 450 Quadratmetern ist der Standort nicht einmal halb so groß wie neu eröffnete Filialen, die Gänge sind schmal, das Angebot ist verhältnismäßig überschaubar, um 20 Uhr ist Ladenschluss. Ein bisschen wie früher. Die neue Discounter-Chichi-Bio-Wohlfühl-Welle hat den Markt an der Eisenbahnstraße ganz offenkundig nie erreicht. Trotzdem ist der Aldi fast immer gut besucht. Nicht zuletzt der niedrigen Preise wegen. Gut ein Viertel der Bewohner um den Lausitzer Platz lebt von staatlichen Transferleistungen. Attraktivität hin oder her: Macht der Aldi dicht, wird es zwischen Kottbusser Tor und Schlesischem Tor nur noch einen Discounter geben.

Die Eigentümer der Markthalle hat das bislang wenig interessiert. Sie befanden, die Zeit für Aldi sei abgelaufen, und verschickten die vorzeitige Kündigung. Stattdessen soll auf der Fläche eine neue dm-Filiale entstehen. »Die Betreiber der Markthalle Neun sind auf uns zugekommen mit dem Vorschlag, einen dm-Markt in der Markthalle zu eröffnen. Wir haben die Anfrage sorgfältig geprüft und einen Mietvertrag abgeschlossen«, so dm gegenüber dem »nd«. Der Umbau der Fläche soll sich bis Frühjahr 2020 hinziehen.

Nun steht es um die Drogeriedichte in dem Stadtteil zwar noch schlechter als um die Discounterdichte – es gibt seit vielen Jahren gar keine mehr. Dennoch haben die Pläne der Markthallenbetreiber »für die Anwohner das Fass zum Überlaufen gebracht«, wie Christiane berichtet, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist Mitglied einer Anwohnerinitiative, die auch die Demonstration am Sonnabend mitorganisiert hat. Gleich mehrere Gruppen haben sich seit Bekanntwerden der Schließungspläne gegründet. Dass jetzt ausgerechnet in Kreuzberg Anwohner für die rumpelige Filiale eines Konzerns auf die Straße gehen, der im letzten Jahr weit über zehn Milliarden Euro Umsatz gemacht hat, findet sie nicht verwunderlich: »Es geht um Teilhabe für alle. Das multikulturelle Berlin, das wir wollen, steht bei Aldi an der Kasse.«

Die Eigentümer Maier, Niedermeier und Driessen verteidigen dagegen ihre Entscheidung. Mit dem Rauswurf des Discounters wolle man »das Kleingewerbe in der Halle selbst stärken«, sagt Driessen. Auch teile man die Sorge der Anwohner um die zunehmenden Gentrifizierung: »Aber wir sind eben auch überzeugt, dass Discounter und ihre Geschäftspraktiken keine Antwort auf diese Probleme bieten.«

Längst werden die Markthallenbetreiber im Kiez aber als bedeutender Teil eben dieses Problems gesehen. Im Zentrum der Kritik stehen immer wieder die zahlreichen »exklusiven« Veranstaltungen – damit verbunden: Menschenströme, Reisebusse und Lärm. »Die Existenz der Markthalle in ihrer gegenwärtigen Form trägt dazu bei, dass die Mieten hier weiter steigen und Menschen mit geringem Einkommen noch mehr verdrängt werden«, so ein Anwohner auf der Demo am Sonnabend.

Und die Händler in der Halle? 460 Arbeitsplätze sollen nach Auskunft der Betreiber direkt oder indirekt an dem Standort hängen. Und kaum einer der Händler ist glücklich mit dem aktuellen Rummel um den vermeintlichen Gentrifizierungs-Hotspot. »Was gerade passiert, macht mich ziemlich fertig. Die Vorwürfe richten sich ja auch gegen uns als Händler. Ich will doch hier keinen exklusiven Ort. Ganz im Gegenteil. Es geht nur mit den Anwohnern«, betont Bierbrauer Johannes Heidenpeter. Von persönlichen Anfeindungen und Beleidigungen berichtet Hendrik Haase von der Metzgerei »Kumpel und Keule«.

Auch die Lokalpolitik hat die Auseinandersetzung mittlerweile erreicht. Auf der Sitzung der BVV Friedrichshain-Kreuzberg letzten Mittwoch war die Markthalle das beherrschende Thema. Gleich zwei Anträge wurden am Ende positiv beschieden. Und so will sich die BVV nun für eine »Halle für alle« (SPD) und weitere Gespräche zwischen den Akteuren (Grüne) einsetzen.

Ebenfalls in der vergangenen Woche hatten die Betreiber zu ersten Gesprächen geladen – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das wiederum kritisierten die Kiezinitiativen massiv. Belehrend und überheblich in der Ansprache seien die Eigentümer, heißt es seitens der Initiative. »Wir haben in der Vergangenheit in der Kommunikation sicherlich Fehler gemacht«, gibt Driessen denn auch zu. Das wolle man ändern. Jetzt also der ergebnisoffene Dialog, auch mit der Option »Aldi bleibt«. »Wir sind zwar bis heute von unserer Entscheidung, Aldi zu kündigen, überzeugt. Aber auch und vor allem darum suchen wir das Gespräch«, so Driessen. Bereits für Dienstag nächster Woche haben die Betreiber zu einer ersten öffentlichen Veranstaltung eingeladen: »Auch über erste konkrete Schritte denken wir nach. Dazu gehören mögliche Rabatte für Anwohner oder Berlin-Pass-Inhaber. Wir wollen uns definitiv stärker mit dem Kiez verbinden.«

Genau das war eigentlich 2011 der Grundgedanke, als das Land Berlin einen neuen Betreiber für die Markthalle Neun in Kreuzberg gesucht hatte, um das bis dahin immer trostloser vor sich hindümpelnde Gebäude neu zu beleben. Gemeinsam mit den Anwohnern hatten die heutigen Eigentümer für ihr Wochenmarktkonzept einer »Markthalle für Alle« geworben – und die Stadt überzeugt. Für den verhältnismäßig geringen Preis von 1,15 Millionen Euro ging die Halle an das Trio Maier, Niedermeier und Driessen. Ihr Konzept hatte eine »Stadt in der Stadt, ein Mikrokosmos von großer Vielfalt« vorgesehen. Tatsächlich muss heute an den gut besuchten Donnerstagabenden wohl eher von »mehreren Reisebusladungen in der Stadt« gesprochen werden. An den restlichen Tagen der Woche herrscht nicht selten gähnende Leere.

Auch deshalb sind die Anwohner sauer. »Das versprochene Konzept wurde bis heute nicht umgesetzt. Sieht man von Aldi ab, kann von einer soliden Grundversorgung nicht die Rede sein. Stattdessen gibt es Wurstmachen-Workshops und biologisch-dynamisch oder was-weiß-ich Schickimicki-Edel-Brot, das sich kein Mensch hier in der Gegend leisten kann«, sagt einer der Demonstranten.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral? Nein, das sei zu einfach, betont ein anderer Anwohner. Es sei ja richtig, kleine Händler zu stärken, es sei richtig, dass die Leute mehr und mehr auf regionale Bio-Produkte umsteigen. Klar sei aber eben auch: »Die Ernährungswende ist sozial gerecht. Oder sie ist keine.«

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