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Wohnen ohne Flächenfraß

Umweltorganisationen mahnen in der Bau- und Wohnungspolitik einen sparsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen an

  • Von Reinhard Schwarz, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Es scheint wie im Märchen von Hase und Igel zu sein: Entsteht irgendwo eine größere Zahl neuer Wohnungen, stehen bei der nächsten Besichtigung anderswo doch wieder Schlangen von Suchenden im Hausflur. Die Nachfrage nach Wohnraum ist in einer Großstadt wie Hamburg scheinbar nicht zu befriedigen. »Ik bün all dor«, sagt der Igel in dem Märchen und bringt den Hasen zur Raserei. 10.000 Wohnungen sollen pro Jahr in der Hansestadt entstehen, lautet die Vorgabe des rot-grünen Senats.

Am Wochenende fand in der HafenCity Universität eine Tagung mit dem Thema »Suffizientes Wohnen statt Flächenverbrauch« statt. Eingeladen hatte der BUND, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Gekommen waren rund 300 Experten aus der Bauwirtschaft, Architekten und Behördenmitarbeiter sowie Mitglieder politischer Parteien, darunter auch der Hamburger LINKEN.

»Ist es eigentlich gut, eine Schlagzahl von 10 000 Wohnungen pro Jahr vorzugeben?«, fragte BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch. Nein, ist es nicht, könnte man vielleicht auf diese rhetorische Frage antworten - oder vielleicht doch? Denn jährlich 10 000 neue Wohnungen bedeuten auch Zerstörung von Grünflächen, Nachverdichtung im innerstädtischen Bereich. So sollen etwa nach dem Willen des Senats auf einer bisher landwirtschaftlich genutzten 124 Hektar großen Fläche (entspricht etwa 124 Fußballfeldern) mit Namen Oberbillwerder 7000 Wohneinheiten entstehen. Klotzen statt kleckern lautet hier das Motto. Anwohner protestieren gegen die Entstehung eines neuen Stadtteils in ihrer bisher idyllischen Nachbarschaft.

Doch löst dieser Gigantismus - noch mehr bauen, noch mehr Flächenverbrauch - die Wohnungsprobleme? Einige Experten sagen Nein. Sie setzen auf Suffizientes Bauen. Suffizient, von lateinisch sufficere, ausreichen, steht für einen intelligenten und umsichtigen Einsatz der vorhandenen Ressourcen, argumentieren sie. Also etwa sanieren statt abzureißen. Ein Befürworter des Suffizienten Bauens ist Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Seine These lautet: »Wohnraum ist nicht knapp, er ist nur schlecht verteilt.« Viele Menschen würden in zu großen Wohnungen leben und damit Wohnraum besetzen, den andere auch gerne hätten. Doch diese Menschen müssen draußen bleiben und weitersuchen.

Anschaulich erläuterte der Wissenschaftler Beispiele aus seinem Bekanntenkreis: Eine Freundin lebte zunächst mit vier Personen in einer 200-Quadratmeter-Wohnung. Nach und nach zogen die Kinder aus, bis die Freundin allein in dieser Riesenwohnung lebte. Wohnen auf 200 Quadratmeter sei »legal, aber nicht legitim«, so Kopatz. Jedes Jahr entstünden in Deutschland rund 250 000 neue Wohnungen - und dennoch reiche es nicht. Weil zu viele Menschen in zu großen Wohnungen leben würden. »Die Wohnfläche pro Person ist dramatisch gestiegen«, unterstrich Kopatz. Standen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einer Person durchschnittlich 12 bis 15 Quadratmeter zur Verfügung, waren es 1990 bereits 25 qm, derzeit sind es laut Statistik 46,5 qm.

Doch welche Perspektiven gibt es? Alternativen und Ideen gibt es offenbar genug. So stellte Friedrich May von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin das Konzept Cluster-Wohnen vor. Hier leben die Menschen in kleinen Apartments mit einer Teeküche und Bad, haben aber ganz viel Gemeinschaftsflächen, eine große Küche und einen Sanitärbereich. Doch der Trend gehe immer noch in die andere Richtung, stellte Kopatz resigniert fest: »Es werden Einfamilienhäuser auf die grüne Wiese gesetzt, als gäbe es kein Morgen.« Karin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, sieht die Gründe in der Sehnsucht der Bundesbürger nach exklusiver Privatheit: »Es gibt eben immer noch sehr viele Menschen, die ihr Glück im Einfamilienhaus sehen.«

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