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Tischtennis mit dem Präsidenten?

Wolodymyr Selenskyj hat den ersten Wahlgang der ukrainischen Präsidentschaftswahl souverän gewonnen.

  • Von Denis Trubetskoy
  • Lesedauer: 2 Min.

Kurz vor dem großen Jubel musste Wolodymyr Selenskyj, Komiker und Favorit im ukrainischen Präsidentschaftsrennen, noch eine Niederlage einstecken. Im Finale eines Tischtennisturniers in seinem schicken Wahlquartier, das auch mit Air Hockey, Kicker und PlayStation ausgerüstet war, traf Selenskyj auf einen Journalisten des Wirtschaftsmediums RBC Ukraine. Gespielt wurde um ein Exklusivinterview, denn viele davon gibt der 41-Jährige, der in der Serie »Diener des Volkes« bereits den ukrainischen Präsidenten spielt, nicht. Lange Zeit lag Selenskyj in Führung, doch am Ende musste er sich knapp geschlagen geben.

Zehn Minuten später, nach der Schließung der Wahllokale, stand Selenskyj - sichtlich verwirrt wegen der großen Medienpräsenz - als der große Sieger des Tages auf der Bühne. Mit 30 Prozent der Stimmen belegte er mit deutlichem Vorsprung auf Amtsinhaber Petro Poroschenko den ersten Platz.

Dieser setzte sich in dem prognostizierten Zweikampf mit Julia Timoschenko durch und schaffte es gerade noch in die Stichwahl. »Der Kreml wollte Poroschenko nicht in der Stichwahl sehen. Genauso werden wir die Pläne Moskaus drei Wochen später vernichten«, sagte Poroschenko mit üblichem Pathos. »Selenskyj ist eine Marionette des Oligarchen Ihor Kolomojskyj. Und Kolomojskyj dürfen wir keine Chance gewähren.« Damit bezog sich Poroschenko auf die Tatsache, dass die Fernsehsendung »Diener des Volkes« meist im TV-Sender 1+1 des Oligarchen ausgestrahlt wird.

Nach diesen Aussagen war man in Selenskyjs Beraterstab der Meinung, er habe zu wenig gesagt, so dass der Wahlsieger ein zweites Mal vor die Journalisten trat. Derweil wurde auf der Bühne noch eine Art Quiz gespielt. Diese Schritte sollen zeigen, dass Selenskyj sich von den anderen Politikern unterscheidet. So wurde auf der Wahlparty nach Mitternacht noch ein Karaokewettbewerb angesetzt.

In seiner Rede ging der Wahlsieger dagegen auf Konfrontation: »Poroschenko meint wieder, ich wäre eine Marionette Kolomojskyjs«, sagte er. »Nur eine Frage: Ist er eine Marionette von Swynartschuk oder umgekehrt?« Ein harter Angriff: Swynartschuk soll der Nachname von Oleh Gladkowskyj, eines engen Verbündeten des Präsidenten, sein, der in einen Skandal rund um die illegale Einfuhr russischer Militärtechnik verwickelt war.

Im Zweikampf mit Poroschenko scheint Selenskyj derzeit klarer Favorit zu sein, zumal er von den Wählern der drittplatzierten Julia Timoschenko und des viertplatzierten Jurij Bojko, der als prorussischer Politiker mit über elf Prozent einen Achtungserfolg feierte, mehr Stimmen bekommen sollte. Entscheidend für den Wahlausgang könnte allerdings ein von Poroschenko gefordertes TV-Duell sein. Ob sich Selenskyj darauf einlässt, ist noch unklar, obwohl er seine Bereitschaft am Wahlabend ankündigte.

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