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Geringe Gehälter trotz Aufschwung

DIW-Studie: Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist größer als bisher bekannt

  • Von Eva Roth
  • Lesedauer: 3 Min.

In Deutschland gibt es erheblich mehr Niedriglohnjobs als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer neuen Analyse, die dem «nd» vorab vorlag. Für die Studie wurde erstmals nicht nur der Hauptberuf von Beschäftigten betrachtet, sondern auch ihre Nebentätigkeiten. Dies war möglich, weil hierzu nun ausreichend Informationen vorliegen und die Forscher unterscheiden können zwischen Ehrenamt, selbstständiger und abhängiger Beschäftigung. Analysiert wurden die Löhne aus abhängiger Erwerbsarbeit, sei es als Haupt- oder Nebentätigkeit.

Im Jahr 2017 wurden demnach 24,5 Prozent aller Jobs lediglich mit einem Niedriglohn vergütet. Inklusive Nebentätigkeiten wurden damit zuletzt rund neun Millionen Beschäftigungsverhältnisse gering vergütet - gut eine Million mehr als nach den bisherigen Berechnungen.

Dass sich die Berücksichtigung von Nebentätigkeiten derart stark auswirkt, hat zwei Gründe. Erstens haben viele Menschen einen Nebenjob, zweitens werden diese meist schlecht bezahlt. 61 Prozent dieser Stellen werden mit Niedriglöhnen unter 10,80 Euro pro Stunde vergütet. Auch Menschen mit einer Ausbildung und mit langjähriger Berufserfahrung erhalten meist wenig Geld für ihren Zweitjob. Offenbar sind die Menschen hier eher zu Lohnabstrichen bereit oder sehen sich dazu gezwungen, was für Unternehmen günstig ist. Insofern ist der Nebenjobboom, der seit 2002 anhält, für Firmen vorteilhaft.

Die Forscher haben für die aktuelle Studie auch erfasst, wie viele Menschen im Hauptberuf lediglich ein niedriges Gehalt erhalten. Demnach hat der Aufschwung nicht dazu geführt, dass der Anteil der Geringverdiener gesunken ist, er ist vielmehr seit Jahren konstant hoch und lag zuletzt bei 22,5 Prozent. Ein Teil des Beschäftigungsaufbaus seit der Finanzkrise 2008 habe also im Niedriglohnsektor stattgefunden, schreiben die Studienautoren Markus Grabka und Carsten Schröder. Die große Zahl von Geringverdienern nennt Grabka «beunruhigend», nicht zuletzt wegen der stark steigenden Mieten. Zudem sei ein niedriger Lohn oft ein zentraler Faktor für Altersarmut.

Die Vorstellung, dass Arbeitslose zunächst für wenig Geld arbeiten und später dank der Berufserfahrung besser bezahlt werden, erweise sich oft als Illusion, betont Grabka: Über 60 Prozent aller Geringverdiener erhalten der Studie zufolge nach drei Jahren weiterhin einen geringen Lohn. Viele Menschen befänden sich in einer «Niedriglohnfalle».

Die Politik sollte darauf hinwirken, dass der Niedriglohnsektor wieder eingedämmt wird, so der Verteilungsforscher. Er plädiert insbesondere für eine Reform der Minijobs. «»Würde man die Verdienstgrenze bei Minijobs absenken, könnte die Zahl der geringfügig und entsprechend häufig schlecht entlohnten Beschäftigungsverhältnisse reduziert werden«, betont er. Minijobs könnten in sozialversicherungspflichtige Teilzeit- oder Vollzeitstellen umgewandelt werden. Dies hätte auch den Vorteil, dass die Menschen Rentenansprüche erwerben. Angesichts einer starken Arbeitskräftenachfrage sei das Risiko gering, dass Firmen mit Stellenabbau reagieren.

Grabka plädiert dafür, die Verdienstgrenze bei Minijobs deutlich zu senken, auf 200 oder 250 Euro. Derzeit dürfen Minijobber bis zu 450 Euro im Monat verdienen. Eine völlige Abschaffung dieser Beschäftigungsform hält er für falsch, weil dies vermutlich mehr Schwarzarbeit zur Folge hätte. Minijobs seien durchaus sinnvoll, etwa wenn Unternehmen Nachfragespitzen abdecken müssen. Derzeit würden die Menschen aber oft für den normalen Betrieb eingesetzt. Deshalb gebe es mittlerweile mit sieben Millionen extrem viele geringfügig Beschäftigte.

Die Studienautoren setzen sich zudem für eine »offensivere Lohnpolitik« ein. Ein Ziel solle sein die Tarifbindung zu erhöhen. Denn in Niedriglohnbranchen wie dem Einzelhandel sei die Tarifbindung besonders gering. Der Sozialforscher Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen hat kürzlich ähnlich argumentiert. Er plädiert dafür, dass die Politik die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erleichtert, damit mittlere Gehälter wieder zum Normalfall werden.

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