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Ballungszentren der Armut

In Großstädten wächst Not auch nach Beobachtung ihrer Bewohner, wie eine Studie zeigt

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern werden ärmer, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. So betrug der Anteil der Sozialleistungsempfänger an der Bevölkerung 2016 deutschlandweit 10,1 Prozent. In den Großstädten mit über 100 000 Einwohnern lag er dagegen bei 14,0 Prozent, also knapp vier Prozentpunkte höher. Seit 2007 ist die Quote in den Großstädten um 0,3 Prozent gestiegen, während der deutsche Gesamtwert um 0,4 Prozent fiel.

Insgesamt befindet sich die Armut auf einem gleichbleibenden Niveau. Während die Kinder- und Jugendarmut etwas abgenommen hat - von 12,4 auf 11,6 Prozent -, hat die Altersarmut von 2,3 auf 3,1 Prozent zugenommen. Ostdeutsche Großstädte nähern sich dem Westniveau. Unter den 18 Großstädten, in denen die Armut stark zunimmt, befinden sich keine ostdeutschen Städte. Stattdessen wirkt die Tabelle wie ein nordrhein-westfälisches Städteranking. Gelsenkirchen mit einer Armutsquote von 26 Prozent führt die Liste an. Auf Saarbrücken, das an zweiter Stelle steht, folgen mehrere Ruhrgebietsstädte mit Armutsquoten von 21 bzw. 20 Prozent. Im Ruhrgebiet nimmt die Armut überdies weiter zu. Laut der Bertelsmann-Studie ist dies Folge des immer noch nicht »vollständig bewältigten« Strukturwandels.

Auch nach der Wahrnehmung von Armut in der Bevölkerung wurde gefragt. Mehr als jeder Vierte sieht sie als großes Problem an. 34 Prozent der Befragten meinen, die Armut am eigenen Wohnort sei gestiegen. Besonders Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen, die besonders oft von Armut betroffen sind, sehen eine negative Entwicklung. 43 Prozent sehen gestiegene Armut in den letzten zehn Jahren, nur zwölf Prozent gehen von einer positiven Entwicklung aus. Alle Befragten äußern Skepsis, dass die Politik angemessen mit dem Thema Armut umgehe. Mehr als die Hälfte der Befragten ist der Meinung, der Politik vor Ort sei Armut kaum oder gar nicht wichtig. 65 Prozent finden, Politik sollte mehr gegen Armut unternehmen.

Diese Wahrnehmung trifft in der Studie auf eine völlig gegenteilige Einschätzung der Städte. Die Verwaltungschefs, bei Großstädten sind das die Oberbürgermeister, wurden befragt, wie sie das Engagement ihrer Städte gegen die Armut beurteilen. Nur fünf Prozent sehen Armut als großes Problem, in den Großstädten sehen 22 Prozent der Verantwortlichen Armut als großes oder sehr großes Problem an. Knapp die Hälfte aller Bürgermeister glaubt, »bereits über Pflichtaufgaben hinausgehende Maßnahmen zur Unterstützung von Armen oder Armutsgefährdeten ergriffen« zu haben. Alle Verwaltungschefs von Großstädten, die auf die Befragung antworteten, sind der Meinung, dass ihre Städte genug gegen Armut unternehmen. Nur wenige Städte gaben an, umfangreiche Maßnahmen über ihre Pflichten hinaus gegen Armut zu unternehmen. Etwa die Hälfte gab an, einzelne Maßnahmen zu ergreifen. Nur vier Prozent der Befragten hatten einen Armutsbericht erstellt. Drei Prozent hatten ein Leitbild zur Bekämpfung und Vermeidung von Armut erstellt. Von der Politik erwarten die Menschen »größere Anstrengungen beim Kampf gegen Armut in einem so reichen Land wie Deutschland«, sagte Henrik Riedel von der Stiftung.

Der Deutsche Städtetag erklärte, die Kommunen leisteten »im Rahmen ihrer Möglichkeiten« einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung der Entstehung von Armut. Die Ursachen für die Probleme könnten aber oft nicht kommunal beseitigt werden. Bund und Länder seien am Zug; sie müssten strukturschwache Städte und Regionen stärker fördern. »Denn die Städte, die den größten Anteil sozial Schwacher in der Bevölkerung haben, haben oft die größten finanziellen Probleme«, so Städtetagspräsident Markus Lewe in der »Welt«.

Einmal mehr zeige eine Studie auf, »dass Armut insbesondere ein städtisches Problem ist. Einmal mehr ist Armut in aller Munde. Aber einmal mehr werden auch diese Erkenntnisse folgenlos bleiben«, ist sich Britta Altenkamp, Vorsitzende des AWO am Niederrhein sicher. Sie fordert unter anderem die Einführung der Grundrente, die Erhöhung des Mindestlohns und den Ausbau des sozialen Arbeitsmarktes und bezahlbaren Wohnraum. Kommentar Seite 10

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