Boris Palmer

Ein Hoch auf den Shitstorm

Paula Irmschler über den grünen Oberbürgermeister von Tübingen

Von Paula Irmschler

Wenn in meinem Essen mal Koriander landet, halte ich das ganze Essen für Müll. Logisch, Koriander schmeckt beschissen. Er versaut mir mein Futtergame. Wenn ich jetzt daraus schließen würde, dass das Essen, in dem sich Koriander befindet, komplett aus Koriander bestünde, Koriander jegliche Küche an jedem Ort bestimme, wäre das natürlich Unfug, denn es gibt kein Gericht, das ausschließlich aus Koriander besteht, und größtenteils knorpsen sich die Leute immer noch Fleisch, Kartoffeln und Nudeln in den Leib hinein.

Wie schaffe ich jetzt den Übergang zu Boris Palmer? Störendes. Zum Glück ist nicht die ganze Welt Boris Palmer, aber der Typ nimmt wie viele ältere weiße Typen an, dass die Welt von nervigem Koriander bestimmt wird. Hä? Genug der Gleichnisse. Einige Leute glauben, dass marginalisierte Menschen eine Übermacht haben, die sie offenkundig nicht haben, und wähnen sich im kämpferischen Untergrund, obwohl aktuelle Studien beweisen, dass sie selbst dem Mainstream angehören. »Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein«, plärrte Palmer ins Netz, als er anmerkte, dass die Fotos auf der Webseite der Deutschen Bahn nicht genug weiße Menschen repräsentieren. Er glaubt, das bilde die Gesellschaft nicht ab, in der er lebt, weil die Nichtweißen wenige seien, und trotzdem hat er Angst vor deren vermeintlicher Macht. Palmer, Poschardt, Don Alphonso und Jochen Arschloch schmeckt nicht, dass sich marginalisierte Menschen im Internet - denn vor allem da haben sie eine Plattform - menschenverachtendes Gelaber nicht gefallen lassen.

Klar, wir verwechseln alle mal das Internet mit der Welt und die Bubble, in der wir uns online bewegen, mit dem Querschnitt der Gesellschaft. Alle Leute benehmen sich hin und wieder im Internet wie Sau, wenn sie etwas verteidigen wollen. Nur regen sich die Palmers dieser Welt nie über Leute auf, die Frauen und Schwarze beleidigen und bedrohen. Das nehmen sie in Kauf, das soll man bitteschön nicht so ernst nehmen, das ist schon okay so. Die Angst vorm Shitstorm der »politisch Korrekten« ist die Angst davor, dass sich diese Verhältnisse ändern. Dass jetzt denen, die ungestraft ihren Hass auf Marginalisierte in Kolumnen, Politik und im Internet raushauen konnten, Paroli geboten wird, macht ihnen Angst. Deswegen deuten sie die Äußerungen der sogenannten Korrekten als gefährliche Verschwörungen. Die Realität dieser Gesellschaft sieht aber immer noch anders aus. In Wahrheit besteht immer noch das meiste aus Kartoffeln und Fleisch. Man hat die Diskriminierten gern weiterhin leise, demütig und voller Angst. Sie dürfen sich nicht zu viel erlauben, sonst hat man einen Grund, mal wieder gegen sie zu sein. Sie sind die zu Unrecht Empörten, sie übertreiben. Polemik ist immer noch dem weißen Mann vorbehalten. Doch dank des Internets haben Menschen eine Stimme, die sie vor 20 Jahren noch nicht hatten. Sie sind laut und sie stören. Gut. Ein Hoch auf den Shitstorm.