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Von Affen und Elefanten

Im Fußball gibt’s für den Nachwuchs viel zu wenig Gelegenheit, sich auszuprobieren, findet Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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In dieser Kolumne wird gleich ein Satz erscheinen, der gleich alle drei Kriterien erfüllt, die wohlmeinende Journalisten, zu denen sich der Autor dieser Zeilen noch nie gezählt hat, veranlassen würden, ihn nicht aufzuschreiben. Weil er zum einen keinen Neuigkeitswert hat, zum anderen nicht unterhält und zum dritten für schlechte Laune sorgt. Nun also der Höllen-Satz: »Der FC Bayern München hat das vorentscheidende Spiel um die Meisterschaft gegen Borussia Dortmund mit 5:0 gewonnen.«

Spannender als das Spiel ist allerdings die Aufstellung der beiden Kontrahenten, denn unter den 28 eingesetzten Spielern waren am Samstagabend exakt drei (Marco Reus und Mario Götze einerseits, Thomas Müller andererseits), die im eigenen Nachwuchs ausgebildet wurden. Die anderen 25 haben sich die beiden Liga-Reichsten allerorten zusammengekauft.

Das passt wiederum bestens zu dem Spiel, das ich mir am Samstag live angeschaut habe und bei dem mit dem Karlsruher SC und der Spielvereinigung Unterhaching zwei Teams aufeinandertrafen, die für Fußballfreunde in Lübbenau oder Völklingen wohl in etwa so spannend sind wie der Höllen-Satz aus dem ersten Kapitel. Doch es geht hier auch nicht um die beiden Drittligisten, sondern darum, dass der Verein verlor, in dessen Reihen fast jeder Spieler aus dem eigenen Nachwuchs stammt, während der andere (dessen Jugendarbeit im übrigen ebenfalls weit besser ist als die bei manchem Erstligisten) mit 4:0 gewann. In dessen Reihen stehen allerdings Spieler, die das 15-fache von Hachinger Normalverdienern verdienen, die Stadt Karlsruhe finanziert dem Verein gerade ein neues Stadion vor, das mit 123 Millionen Euro veranschlagt wird. In Haching war eine der beiden Tribünen jahrelang gesperrt, es gab kein Geld für die Sanierung.

Dass Vereine wie der KSC in der gleichen Liga wie seine Hachinger spielen, erinnert deren Trainer Claus Schromm dann auch an die Karikatur, bei der ein Affe und ein Elefant am Fuße eines Baumes stehen, während aus dem Mund des Schiedsrichters eine Sprechblase aufsteigt: »Im Sinne eines fairen Wettbewerbs habt ihr beide die gleiche Aufgabe: Klettert auf diesen Baum.« Schromm hat das am Samstag genau so benannt, als er auf den Patzer seines 19-jährigen A-Jugend-Keepers im Profidress angesprochen wurde: »Nebenbei wäre die Dritte Liga eigentlich genau dafür da, dass junge Spieler sich in ihr entwickeln dürfen und können. Aber leider gibt es das System nicht her.«

Da die dritte Liga vom DFB finanziell so miserabel ausgestattet sei, wolle jedes Team möglichst schnell aufsteigen. Wer es sich leisten könne, kaufe deswegen teure Spieler - auf Kosten des eigenen Nachwuchses. Selbst Haching, das mit einem 2,2 Millionen Etat herumdümpelt, mache deshalb Jahr für Jahr ein Defizit, um in der ruinösen Spielklasse überhaupt bestehen zu können. Mehr ist eh nicht drin. Zumindest im Münchner Vorort nicht. »Was ist denn hier los, wenn der KSC nicht aufsteigt?«, fragte Schromm zum Abschied. Und gab die Antwort gleich selbst. »Dann holt wieder jemand zwei, drei Millionen raus, und es geht weiter.«

So ist das. Und zwar nicht nur bei den Topklubs der Dritten Liga, sondern auch bei vielen in der Regionalliga: Junge Spieler gelten als Sicherheitsrisiko. Nice to have, aber im Zweifelsfall spielt derjenige mit 200 Ligaeinsätzen auf dem Buckel. Umso schlimmer ist diese Entwicklung, weil auch im Jugendfußball vieles schief läuft. Schon in der E- oder D-Jugend achten die Trainer häufig nicht mehr so sehr auf die individuellen Fertigkeiten im Training am Donnerstag als auf das Ergebnis beim Spiel am Samstag. Wer irgendwann mal gut im Zweikampf sein will, muss aber ein paar hundert Mal ins Dribbling gegangen und hängengeblieben sein. Trainer, die bei jedem Fehlversuch herumbrüllen und davor warnen, dass ein möglicherweise daraus resultierender Konter zum Gegentor führen könne, gibt es leider wie Sand am Meer.

Schromm war lange Jahre Nachwuchstrainer und kann kenntnisreich darüber sprechen, wozu all die Fehlentwicklungen im Jugend- und Erwachsenenfußball führen sollten: nämlich zu einem radikalen Umdenken. »Aber leider ist es im Fußball wie im Straßenverkehr. Es muss immer erst ein schwere Unfall passieren, bis irgendwo eine Ampel oder ein Kreisverkehr gebaut wird.« Wobei sie im Straßenbau etwas flinker sind als beim DFB, dessen Nationalmannschaft in Russland bekanntlich einen Totalschaden erlitten hat.

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