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Comedy statt Komik

Gerhard Holtz-Baumerts Geschichten von Alfons Zitterbacke wurden nach über 50 Jahren neu verfilmt: »Alfons Zitterbacke - Das Chaos ist zurück«

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.

Zitterbacke. Ein Name wie ein Weckruf. Stolz. Einzigartig. So sieht es der Vater. Der Sohn dagegen leidet. »Zitterbacke, Hühnerkacke«, rufen die Kinder ihm hinterher. Das ärgert ihn außerordentlich, zumal er Großes vorhat: Er will das Weltall erobern.

So kennen die älteren im Osten Aufgewachsenen die Geschichte von Alfons Zitterbacke seit Jahrzehnten. In den 50er Jahren schrieb der Kinder- und Jugendbuchautor Gerhard Holtz-Baumert zwei schmale, aber erfolgreiche Bände, denen sehr viel später ein dritter folgen sollte; Mitte der 60er Jahre entstand bei der DEFA ein Film. Mit einem unerschrockenen, etwa zehnjährigen Alfons, der mit den Widrigkeiten des Alltags kämpft, und dem großen Schauspieler Günther Simon als Vater. Simon, bis dahin vor allem bekannt als Darsteller von Klassenkämpfern wie Ernst Thälmann (»Sohn seiner Klasse«, »Führer seiner Klasse«), in einer komischen Paraderolle.

Nun, mehr als 50 Jahre danach, hat sich Mark Schlichter als Regisseur und Mitverfasser des Drehbuchs an eine Neuverfilmung gewagt. »Alfons Zitterbacke - das Chaos ist zurück« ist keine werktreue Verfilmung; die Handlung ist konsequent auf das große Ziel von Alfons konzentriert, eine Rakete zu bauen, wobei es natürlich - Motiven von Holtz-Baumert folgend - zu allerhand Zwischenfällen, Pleiten und Konflikten kommen muss. Alfons ist ein Ostdeutscher geblieben; der Erstling wurde in Jena gedreht, der neue Film spielt in Halle. Die Zeiten haben sich freilich geändert. Alfons will nicht mehr Kosmonaut in Moskau werden, sondern Astronaut bei der ESA. Er trinkt Cola aus der Dose, lernt in der Sigmund-Jähn-Schule, ein Mobbing-Video macht ihm zu schaffen.

Die Familie lebt, im Gegensatz zur Mietwohnung im Originalfilm, in einem pompösen Einfamilienhaus mit Garten; das gesamte Ambiente ist knallbunt und sozial steril. Alfons’ Vater war in der Erstverfilmung Küchenchef einer Betriebskantine. In der Neuauflage geht er (Devid Striesow) keiner erkennbaren Tätigkeit nach, dafür arbeitet seine Mutter (Alexandra Maria Lara) im Baumarkt, von wo Alfons das Zubehör für seine Experimente bezieht. Das könnte immerhin ein Statement sein: Früher wurde im Osten produziert, heute wird konsumiert.

Das Drehbuch greift auf ein bewährtes Muster zurück: Alfons (Tilman Döbler), der zwischendurch mal verzweifelte, letztlich aber doch von seiner Idee besessene Held, begleitet vom treuen Kumpel Benni (Leopold Schill) und der altklugen, sehr vernünftigen Freundin Emilia (Lisa Moell); als Widerpart ein aalglatter, fieser Mitschüler namens Nico, der nichts kann, aber einen reichen Opa hat, an seiner Seite zwei bullige, doofe Kumpane. Das ist exakt das Erfolgsrezept der Harry-Potter-Geschichten.

Im Original entsteht der Witz aus den ernsthaften, aber unzulänglichen Bemühungen von Sohn und Eltern, die Dinge in den Griff zu bekommen. Im Remake gerät vieles zur Klamotte - ein Zugeständnis an das comedygestählte Publikum. Einige Rollen sind als Comicfigur angelegt, was die Darsteller allerdings antreibt, ihrem Affen Zucker zu geben. Katharina Thalbach als strenge Schuldirektorin, Thorsten Merten als frustrierter Deutschpauker, Olaf Schubert als chaotischer Chemielehrer, Wolfgang Stumph als stinkreicher Schnöselopa brillieren in Kurz- und Kürzestauftritten. Sogar Astronaut Alexander Gerst hat eine orbitale Gastrolle. Und, beinahe rührend: Als Reminiszenz ans Original spielt der Ur-Alfons, Helmut Roßmann, einen Bratwurstverkäufer auf dem Rummelplatz.

Familien werden ihren Spaß mit diesem Film haben, zumal ein paar Kinderstars in die Besetzung eingebaut wurden: ein Schlagersänger, ein Moderator vom Kinderkanal, ein Hip-Hopper. Vor allem aber haben Holtz-Baumerts Geschichten neben aller Situationskomik und satirischen Seitenhieben einen zeitlosen, widerstandsfähigen, unerschütterlichen Kern: Lass dich nicht unterkriegen, folge deiner Fantasie - und wenn es mal ganz schlimm kommt, sind deine Eltern und deine Freunde für dich da, trotz aller Konflikte.

Der DDR-Verfilmung gereichte Alfons’ Enthusiasmus übrigens nicht nur zum Vorteil. Mitte der 60er Jahre entstanden, wurde der Film von denselben Zensoren beargwöhnt, die nach dem berüchtigten 11. Plenum des SED-Zentralkomitees eine ganze Film-Jahresproduktion aus dem Verkehr zogen. »Zitterbacke« wurde seinerzeit um etliche Szenen gekürzt - zu viel Individualismus, zu wenig Kollektivgeist. Das Herausgeschnittene blieb verschollen; als der Regisseur Konrad Petzold nach der Wende Anfang der 90er versuchte, seine Fassung wiederherzustellen, waren die entfernten Passagen nirgendwo zu finden.

Individualismus ist heutzutage kein Problem mehr; im Gegenteil, es kann gar nicht individuell genug zugehen. Wohl deshalb verzichteten die Macher des neuen Zitterbacke-Films im Abspann leider nicht auf das vertonte Zeitgeist- und Selbstverwirklichungsdogma »Lebe deinen Traum!«, das den Zuschauern in jeder noch so billigen Castingshow eingetrichtert wird. Bleibt zu wünschen, dass die Neuverfilmung in einer neuen Generation das Interesse an den Büchern von Gerhard Holtz-Baumert weckt.

»Alfons Zitterbacke - Das Chaos ist zurück«, Deutschland 2019. Regie: Mark Schlichter. Darsteller: Tilman Döbler, Alexandra Maria Lara, Devid Striesow. 92 Min.

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