Sudan

Revolutionärin mit goldenen Ohrringen

Alaa Salah wurde mit ihrem Auftritt bei Protesten im Sudan zur Ikone der Bewegung

Von Philip Malzahn

Auf einem Autodach in Sudan steht eine junge Frau mit goldenen Ohrringen und führt einen Sprechchor an. Das locker sitzende Kopftuch rutscht ihr in den Nacken, doch das ist ihr jetzt nicht wichtig. Geübt greift sie hinter sich, zieht den Baumwollstoff über die Haare und feuert unermüdlich die Menschentraube an, die sich um sie versammelt hat: »Im Namen der Religion hat man uns verbrannt!« »Revolution!«, antwortet die Menge.

Die auf dem Autodach stehende Revolutionärin heißt Alaa Salah, ist 22 Jahre alt, studiert Architektur und ist quasi über Nacht zu einer der herausragenden Figuren der Protestbewegung in Sudan geworden. Mit ihrem Elan und Mut begeistert sie derzeit die ganze Welt. Dabei ist es extrem unüblich für eine sudanesische Frau, in der Öffentlichkeit so großspurig aufzutreten, wie Salah es tut. Hinzu kommt, dass es lebensgefährlich ist, gegen das Regime zu protestieren.

Alaa Salah tut beides und lässt sich augenscheinlich wenig davon beeindrucken. Seit vier Monaten gibt es in Sudan Dauerproteste gegen das Regime des Langzeitpräsidenten Omar al-Baschir. Am vergangenen Samstag rief das sudanesische Volk zu einem Marsch der Millionen auf. Doch es blieb nicht bei einer Großdemonstration – Tausende errichteten vor öffentlichen Gebäuden Sitzblockaden, unter anderem vor dem Hauptquartier der Armee.

Am Donnerstag griff dann das Militär ein. Man verhaftete Omar al-Baschir und stellte ihn unter Hausarrest. Zudem wurde die Bildung eines Militärrats verkündet, der zwei Jahre lang über das Land herrschen soll, während man freie Wahlen vorbereitet – so zumindest das Versprechen. Ob sich die Protestierenden damit zufriedengeben, ist fraglich.

Alaa Salah tut es nicht. Sie schrieb über den Nachrichtendienst Twitter: »Das Volk will keinen militärischen Übergangsrat. Es wird keine Veränderung eintreten, wenn Baschirs Regime die Bevölkerung durch einen Militärputsch blendet. Wir möchten, dass ein Zivilrat den Übergang anführt.«