Wie in der »guten alten Zeit«: Antifeminismus ist ein zentrales Profilierungsfeld der neuen Rechten.
Antigenderismus

Die «Manndatsträger»

Wie die AfD mit Antigenderismus in die gesellschaftliche Mitte wirken will

Von Thomas Gesterkamp

Inwieweit plant die Bundesregierung Förderprogramme, die sich wissenschaftlich mit der immer weiter um sich greifenden Männerdiskriminierung beschäftigen?« So steht es in Punkt 10 einer Kleinen Anfrage, die die AfD-Bundestagsfraktion Mitte März gestellt hat. Die rechtspopulistische Partei gibt sich darin besorgt über die »Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft durch Misandrie«. Die Ursache der von ihr behaupteten Männerfeindlichkeit ist für sie leicht festzumachen: Ein »radikaler Feminismus« treibe die »Entfremdung zwischen den Geschlechtern« voran.

Antifeminismus und Antigenderismus sind in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema rechter Bewegungen geworden. Die dahinter stehenden Feindbilder und Argumentationslinien reichen aber weit hinein bis in die Mitte der Gesellschaft. Das Polemisieren gegen die »Gender-Ideologie« findet regelmäßig publizistische Unterstützung auch in den Leitmedien. So gefällt sich etwa der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein (»Schlecht, schlechter, Geschlecht«) in der Rolle des lässigen und arroganten Besserwissers, in ironisch geschriebenen Texten bemüht er gerne Randaspekte wie »Transgendertoiletten« oder die Anrede »Professx«. Dauergast der Talkshows ist seit Jahren das CDU-Mitglied Birgit Kelle. Die christliche Fundamentalistin vermarktet dort ihre Kampfschrift »Gender-Gaga« - ideologisch passt sie, wie ihr SPD-Pendant Thilo Sarazin, eigentlich besser in die AfD.

Das kompliziert und schwer erklärbar anmutende G-Wort war schon immer leicht angreifbar. Es eignet sich bestens für massenwirksame Polemik. Vermischt werden dabei meist Themenfelder, die relativ wenig miteinander zu tun haben: die von der Europäischen Union angestoßene gleichstellungspolitische Strategie des »Gender Mainstreaming«, universitäre Fächer wie »Gender Studies«, die Geschlechterverhältnissen im Querschnitt durch verschiedenste Disziplinen und Wissenschaften verfolgen - sowie die Neufassung schulischer Lehrpläne, die das Thema sexuelle Orientierung stärker berücksichtigen sollen.

Schon vor fünf Jahren geriet deshalb die Soziologin Elisabeth Tuider von der Universität Kassel in einen Shitstorm. Netzkommentare hetzten gegen sie persönlich, einzelne Posts drohten gar mit Vergewaltigung und Mord. Der Anlass: Tuider ist Mitverfasserin eines sozialpädagogischen Buches zur Arbeit mit Jugendlichen, das didaktische Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt vorstellt. Über manche, damals in Zeitungsberichten genüsslich zitierte Textpassagen (»Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?«) lässt sich vielleicht auch streiten. Es ging in dieser Polemikwelle aber weniger um eine fachliche Kontroverse als um einen Generalangriff auf die Geschlechterforschung. Diese werde von Männerhasserinnen betrieben, halte wissenschaftliche Standards nicht ein und gehöre daher gänzlich abgeschafft: So lautete die Kernforderung, die die AfD seither auch in den Parlamenten aufgreift.

In Stadt- und Gemeinderäten, auf Landes- wie Bundesebene stellen deren Abgeordnete immer häufiger Anträge zu dem, was sie unter Genderfragen verstehen. Die besonders umstrittene und daher publikumstaugliche Kritik an der geschlechtergerechten Sprache ist dabei meist nur Nebensache. Vor allem zielen die Rechtspopulisten darauf, die wissenschaftliche Bearbeitung von Themen wie Antifeminismus und Antigenderismus finanziell auszutrocknen.

So richtet sich jene Anfrage der AfD im Bundestag folgerichtig gegen ein Vorhaben am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (ZGS) der Universität Marburg. Es läuft unter dem Titel »Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial« seit Oktober 2017. »Der Diskurs über den sogenannten ›Gender-Wahn‹ wird zum Teil sehr polemisch geführt«, heißt es in der Projektvorstellung. Das trage »nicht zur sachlichen Auseinandersetzung über Geschlechterpolitik bei«.

Das ZGS-Projekt, Kurzname Reverse, wird mit 975 000 Euro aus Bundesmitteln unterstützt. Es besteht aus mehreren Fallstudien. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen analysieren bis Ende 2019 etwa die »Ethnisierung von Sexismus nach Köln«, den »Kampf um sexuelle Bildung als Krisensymptom« oder die Debatte um die »Ehe für alle«. Die Art der Behandlung dieser Themen, so behaupten nun die AfD-Antragsteller, verfolge eine »wissenschaftsfeindliche Immunisierungsstrategie«: Erkennbar sei angeblich der »sichtliche Unwille«, sich »mit der Kritik an der Gender-Forschung inhaltlich auseinanderzusetzen« Es sei daher »höchste Zeit, dass die Bundesregierung Maßnahmen ergreift, die dieser Entwicklung Vorschub leisten«.

Alternativ zu dem geförderten Projekt fordern die rechten Parlamentarier, sich wissenschaftlich »mit der immer weiter um sich greifenden Männerdiskriminierung zu beschäftigen« - als Gegenentwurf zum »doktrinär betriebenen Feminismus«. dabei hatte das Thema Männer hatte bisher keinen allzu großen Stellenwert in der AfD. Einzelne Mitglieder von maskulinistisch ausgerichteten Vereinen wie »Manndat« traten in den letzten Jahren der Partei bei. Sie versuchen seither, ihre gegen einen Geschlechterdialog ausgerichteten Anliegen dort unterzubringen. Doch dass in einer parlamentarischen Intervention vor den »Gefahren des radikalen Feminismus und der ihm inhärenten Misandrie« gewarnt wird, hat eine neue Qualität: Bisher stand die öffentliche Benennung eines angeblichen Männerhasses nicht auf der Agenda des Politikbetriebes.

Dabei wird der Stellenwert der Gender-Forschung in Deutschland einerseits über- und andererseits unterschätzt. Denn tatsächlich gibt es in diesem Bereich viel befristete Beschäftigung und kaum eigenständige Lehrstühle. Von den über hundert Professuren, die sich mit Geschlechterfragen befassen, sind nur wenige im Kern der Aufgabenbeschreibung »Gender-Professuren«, sehr oft bezeichnet das G-Wort nur ein Nebenfeld. Im Gegensatz dazu steht, dass die - meist von weiblichen - Lehrkräften gehaltenen Seminare und Vorlesungen zu Themen wie Rollenstereotype oder sexuelle Orientierung, unter Studierenden viel Anklang finden.

Kritik auch an Gendertheorien sei wichtig und willkommen, doch müsse sie auf ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung beruhen, sagt Ilse Lenz, emeritierte Hochschullehrerin für Soziologie an der Universität Bochum. Die langjährige Geschlechterforscherin, die ein Standardwerk zur Geschichte des Feminismus vorgelegt hat, wundert sich über »Hassprediger«, die eigenmächtig festlegen wollen, »was unwissenschaftlich sein soll«. Seit die AfD als verlängerter Arm rechtspopulistischer Bewegungen die parlamentarischen Bühnen betreten hat, brechen alte Kontroversen wieder auf. Rückwärts gewandte Rollenbilder werden propagiert, gleichstellungspolitische Konzepte wie die Frauenquote bekämpft. Im Bündnis mit fundamentalistischen christlichen Kreisen wenden sich die neuen Rechten aggressiv gegen Abtreibung, schüren Homo- und Transphobie oder versuchen insbesondere, die Thematisierung sexueller Vielfalt an Schulen zu stoppen. Besonders drastisch polemisiert AfD-Rechtsaußen Björn Höcke gegen die »Geisteskrankheit Gendermainstream«, die aus Schulen und Universitäten zu »vertreiben« sei, um die »perverse« Sexualpädagogik des »roten Blocks« zu beenden.

Die offensive Anti-Gleichstellungs-Rhetorik und die Rede von der »Misandrie« sind Maßstab der Radikalisierung der Partei nach dem Abgang des Gründers Bernd Lucke als Parteichef im Sommer 2015. Zwar verkörperte auch Lucke höchst konservative »Familienwerte« - doch tauchten die Vorboten der heutigen Profilierungskampagnen gegen »Genderismus« in so geballter Form erstmals etwa in der »Erfurter Resolution« vom März 2015 auf, mit der Höcke und der damalige Landeschef in Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, offen ihre Opposition gegen Luckes Führungsanspruch dokumentierten.

Gleichfalls 2015 nahm dann eine AfD-Landeskonferenz in Baden-Württemberg - wo es in diesem Jahr starke Widerstände gegen ein Arbeitspapier der damals grün-roten Landesregierung zur Sexualerziehung gegeben hatte - die heutigen Positionen vorweg. Gender-Mainstreaming sei »als durchgängiges politisches Leitprinzip in Form einer Querschnittsaufgabe staatlichen Handelns auf allen Ebenen unverzüglich und ersatzlos zu beenden«, hieß es in einem Beschluss. Die Delegierten forderten die »Rücknahme aller Vorschriften im Sinne der Gender-Ideologie«. Das Bundesgleichstellungsgesetz und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz seien zu streichen - wie »sämtliche Steuer- und Fördermittel für gender-ideologische Maßnahmen«. Außerdem verlangt wurde die Abschaffung der Stellen für Gleichstellungsbeauftragte, die Schließung von »Diversity Offices in allen öffentlich- und privat-rechtlichen Institutionen« und ein sofortiger »Förderstopp für die sogenannten ›Gender Studies‹ an Hochschulen und Universitäten« inklusive einer Auflösung der Lehrstühle.

Solche Inhalte, die das jetzige AfD-Grundsatzprogramm dann weitgehend übernahm, versucht die Partei nun überregional umzusetzen. Die Bundesregierung hat freilich die Kritik an dem erwähnten Marburger Projekt mittlerweile zurückgewiesen.