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Bibi Andersson ist tot

Wohin sich wenden?

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Seit Jahrtausenden leben die Avantgarden der Menschheit in dieser Situation: dass sie Übergewaltiges sehen, und die Intelligenz zittert. Gott war einer der stärksten Schutzschilde, hinter die man sich zurückziehen konnte, um all dem Ungeheuren standzuhalten. Des Schweden Ingmar Bergmans unsterbliches Filmwerk schürt Ungewissheit, ob dem Bösen wirklich erfolgreich Paroli geboten werden kann.

Es gibt leider eine unbestreitbare Eleganz des Dämonischen, es gibt das Leuchten purer Negation - und den wendigsten, widerstandsfähigsten Geist bietet sehr oft die Rachsucht auf, diese waffenstarrende Schwester der Notwehr.

In Ingmar Bergmans Film »Persona« (1966) ist es die Krankenschwester Alma, die sich mit ihrer Patientin, einer Schauspielerin, einen erbitterten psychischen Zweikampf liefert. Anerkennungsehrgeiz als Triebmittel. Ein Krieg bis in kleinste Gesten des Alltäglichen. Wer ist im Simulieren von Zugewandtheit verletzungsheftiger? Als Pflegerin: Bibi Andersson. Ihre große, unvergessliche Rolle - und eine Wirkung, die von Gestalten in Filmen Altmans, Siodmaks und Huston niemals wieder erreicht werden würde.

Dieses aufgekratzte Ausgeliefertsein an die Einsamkeit. Wohin sich wenden? Unerschrocken stellt Bergman noch in Bildern von kochenden Wasserkesseln und blinkenden Glasscherben die Frage nach der Existenz. Damit unmittelbar verbunden: das Unvermögen, vor der Todesangst zu bestehen. Andersson spielte die Angst vor dem Menschen, der dir am nächsten kommen darf. Liebe, ein Schlachtbericht.

Entgegen von Bergmans späterer Diva Liv Ullman besaß Bibi Andersson etwas Helles, Besonntes, und das Südlicher war für Bergman die Metapher der Albträume - die Wärme erinnerte ihn an die Drohung eines Brenneisens. Nur die frühen, sogenannten Sommerfilme (wie »Das Lächeln einer Sommernacht« von 1955) trugen etwas Aufgehelltes in sich, quasi einen Wunsch des Nordländers nach Renoir oder Dégas.

Und hier setzte Andersson die Akzente, sie half dem Regisseur gleichsam, dass ihn auch US-Amerika verstand - indem sie das Gesicht wurde, in dem sich die nordischen Symbolismen berückend verloren. Befreiung von Düsternis - die freilich hinüberglitt in ein anderes Dunkel, das der quirlig perlenden Spielerin nur Nebenrollen bescherte (»Das siebente Siegel«, »Wilde Erdbeeren«, »Das Gesicht«, »Die Berührung«, »Szenen einer Ehe«).

Bibi Andersson: Wie schnell doch schöne verzweifelte Menschen zu umherirrenden Kapseln werden, im Licht schwedischer Landschaften, an Seen, auf verwilderten Pfaden, in wohlgeordneten Häusern. Am Sonntag ist die Schauspielerin, 1935 geboren, im Alter von 83 Jahren gestorben.

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