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Rebellion mit Seifenblasen

Die britische Klimabewegung »Extinction Rebellion« setzt erstmals Akzente in Deutschland. Wie geht es nun weiter?

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 5 Min.

Es war fünf nach 12, als die »Rebellion« ausgerufen wurde. In Berlin und anderen Städten sollte am Montag nichts weniger als der Anfang vom Ende der Klimakatastrophe eingeleitet werden. Die Bewegung »Exinction Rebellion« (zu Deutsch: »Rebellion gegen das Aussterben«), kurz »XR«, hatte zu Protesten gegen den Klimawandel aufgerufen. Zum Auftakt der internationalen »Rebellion Week« (zu Deutsch: »Woche der Rebellion«) zogen Menschen aus ganz Deutschland vor den Reichstag. Ein Protest-Schild verkündete: »Die Uhr tickt.«

Die Gruppe mit dem auf Deutsch sperrig klingenden Namen wurde im Oktober 2018 in Großbritannien gegründet. Mit 6.000 Menschen blockierten die Aktivist*innen Brücken in London und legten damit den Verkehr in der Innenstadt der Metropole zeitweise lahm. Die Bilder gingen um die Welt. Nun soll die Bewegung auf andere Länder überschwappen. Ist das gelungen?

Extinction Rebellion: Aufstand gegen das Aussterben

Auf der Reichstagswiese sieht am Mittag erst einmal wenig nach Rebellion und Aufstand aus. Rund 300 Menschen haben sich vor einer Bühne versammelt. Man sieht viele Dreadlocks, bunte Masken und Blumen im Haar. Zwischen den Reden werden Lieder gesungen, Seifenblasen zerplatzen über den Köpfen der Anwesenden. Der Protest wirkt zeitweise wie eine Mischung aus politischer Kundgebung und christlicher Jugendfreizeit. Als ein Redner das »gute Leben für alle Menschen« fordert, ruft eine Frau: »Und für die Tiere!«

Wenig Kapitalismuskritik

Doch warum braucht es neben »Ende Gelände« und »Fridays For Future« (FFF) eigentlich noch eine Klimabewegung? »Extinction Rebellion« soll irgendwie internationaler und thematisch breiter sein, heißt es von den Veranstalter*innen. Ein Kenner der Szene hofft, dass die Bewegung das Bindeglied zwischen der noch recht passiven Zivilgesellschaft und der etablierten Klimabewegung werden könnte. Und in der Tat: Es scheint, als erreiche »XR« sowohl politisch interessierte Neulinge, als auch Menschen, denen die FFF-Demonstrationen nicht radikal genug sind.

Mehrere Redner*innen betonen, dass »die Systemfrage« gestellt werden müsse, Appelle an die Politik nicht mehr ausreichten. Besonders deutlich wird der Klimaaktivist Tadzio Müller: »Wir müssen jeden Tag die Regeln dieser Scheiß-Normalität brechen.« Das erste Ziel der Bewegung: der Ausruf des Klimanotstandes. Explizite Kapitalismuskritik hört man an diesem Vormittag jedoch eher wenig.

Wer sind die Leute, die den Aufstand proben wollen? Pacari, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist durch einen Flyer in der Universität auf die Gruppe aufmerksam geworden und zum Reichstag gekommen, um sich zu vernetzen. Die 21-jährige Berlinerin hat ein kleines Gartenbeet außerhalb von Berlin und will das Thema ökologische Landwirtschaft auf die Agenda der Klimaaktivist*innen setzen. Ihre Forderungen sind klar: »Wir müssen auch gegen große Agrarkonzerne wie Bayer kämpfen und Landwirt*innen, die auf Öko umstellen wollen, besser unterstützen.«

Von Großbritannien zum globalen Klimaschutz

In Großbritannien hat »Extinction Rebellion« für bereits große Aufmerksamkeit gesorgt. Auch Claire Wordley war dabei, als im vergangenen Jahr in London die Themsebrücken besetzt wurden. »Wir wollten wegkommen von Unterschriftenaktionen und normalen Demonstration - das hat nicht gewirkt«, sagt die britische Aktivistin, die an der Universität von Cambridge als Ökologin arbeitet. »Es war schön zu sehen, dass 6.000 Menschen eine Festnahme riskiert haben, um das Klima zu retten.«

Aber lässt sich die Dynamik der Insel einfach in andere Ländern importieren? Wordley hofft, dass jedes Land seinen eigenen Weg findet und eigene Strategien entwickelt, die an die lokalen Bedingungen anpasst sind. Für sie ist klar: »Der Klimaschutz muss eine globale Bewegung werden. Wenn einige Länder anfangen, ihre Klimaziele wirklich umzusetzen, werden die anderen folgen - da bin ich mir sicher.«

Nach einem Zwischenstopp mit Reden und Musik unter der Jannowitzbrücke gelingt es rund 150 Aktivist*innen am Nachmittag, die Oberbaumbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg zu blockieren. Die Polizei wirkt zeitweise überfordert und muss sich damit genügen, die Zufahrtswege der Brücke abzusperren, um den Ansturm von weiteren Aktivist*innen zu verhindern. Die rund 150 Menschen nehmen derweil auf der Brücke Platz und machen es sich gemütlich.

Zeitweise wirkt die Sitzblockade eher wie ein Straßenfest: Die Sonne lacht am Berliner Himmel, Suppenteller werden herumgereicht, ein Liedermacher klimpert ein Lied auf seiner Gitarre, den oberirdisch vorbei ratternden U-Bahnen wird zugejubelt.

Auch die 76-jährige Brigitte Majewski hat es sich auf dem Boden bequem gemacht. »Unterschriftensammlungen reichen nicht mehr, Besetzungen wie diese hier bringen einfach mehr«, meint die Ärztin, die früher in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv war. »Wir können nichts mehr beschönigen, die Situation ist dramatisch.«

Die Polizei als Freund und Helfer

Die 25-Jährige Marry Mae hat zusammen mit einer Freundin in der Mitte der Oberbaumbrücke Platz genommen. Über Facebook habe sie von dem Protest erfahren, auch bei den Schüler*innendemonstrationen von »Fridays for Future« war sie dabei. Es mache ihr Angst, dass die Welt nicht mehr so aussehe, wie sie diese »aus ihrer Jugend in Erinnerung« habe. Gut an »Extinction Rebellion« finde sie, dass alles so friedlich sei. Probleme mit der Polizei habe sie bisher noch nicht gehabt.

In der Tat hält sich die Polizei an diesem Tag zurück. Während Proteste von Antifa-Gruppen oder Geflüchteten oft mit massiver Gewalt und Repression überzogen werden, wirkt die Berliner Polizei am Montag entspannt. Dazu tragen auch die Blockierer*innen selbst bei. Ein mit weiß-blauen Westen gut erkennbares Deeskalationsteam vermittelt zwischen Polizei und Demonstrant*innen. Immer wieder betonen die Aktivist*innen ihre Gewaltfreiheit. Als eine Gruppe von Polizist*innen ihre Helme absetzt, singen die Demonstrant*innen: »Ohne Helm und ohne Knüppel seid ihr schön.«

Nach zwei Stunden hat die Polizei dann doch genug vom Treiben und beginnt, die Aktivist*innen ohne größeren Widerstand wegzutragen. Der Pressesprecher der Polizei wirkt nach dem Einsatz gelassen. Festnahmen oder Verletzte? Fehlanzeige.

Und wie geht es für »Extinction Rebellion« weiter? In den nächsten Tagen sollen weitere Aktionen stattfinden. Wenngleich die Aktivist*innen vor einem bevorstehenden »Klimakollaps und der Untätigkeit der Politiker*innen« warnen, nahmen am Montag nur einige hundert Menschen an der Blockade in Berlin teil - obwohl der Protest als bundesweiter Aktionstag angekündigt worden war. Enttäuscht sei Friederike Schmitz vom Presseteam von »Extinction Rebellion« allerdings nicht. »Rebellionen können von wenigen Menschen gestartet werden. Und das war erst der Anfang.«

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