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Wer nicht dazu gehört

Ein kluger Abend: »Othello«, inszeniert von Michael Thalheimer am Berliner Ensemble

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist ein Abend, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Es geht um Shakespeares »Othello« in der Inszenierung von Michael Thalheimer am Berliner Ensemble, die am 13. April Premiere feierte.

Der Regisseur greift für den Text auf die Übersetzung des im vergangenen Jahr verstorbenen Werner Buhss zurück, die Shakespeares Sprache in modernem Vers mit derber Schönheit präsentiert. Schon der verwendete Untertitel zeigt, dass Buhss das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Minderheit kritischer verstand als dazumal Schlegel und Tieck - bei Buhss heißt es »Venedigs Neger« statt nur unschuldig »Mohr von Venedig«.

Hier ist klar, wer wessen Spiel zu spielen gezwungen ist, wer wessen Eigentum ist, wer von wem erniedrigt wird. Die für den Abend erstellte Spielfassung - für die Dramaturgie zeichnet Bernd Stegemann verantwortlich - reduziert das Figurenensemble auf gerade einmal fünf Personen - Othello, Desdemona, Cassio, Jago und Emilia -, die auf der kargen Drehbühne von Olaf Altmann agieren.

Im Hintergrund, auch das ist bemerkenswert, steht ein Chor von dreißig Personen. Diese tragen graue Mäntel und über die Köpfe sind weiße Säcke gestülpt, mit ausgeschnittenen Löchern für Augen und Mund - die Kostüme hat Nehle Balkhausen entworfen. Das erinnert an einschlägige Horrorfilme, aber auch den Ku-Klux-Klan.

Der Chor beginnt mit einer Schmähung Othellos. Unter den Singenden, zunächst ebenfalls mit Maske, ist der von Peter Moltzen gespielte Jago, der dann nach vorne tritt und sein weiß geschminktes Gesicht zeigt. Er ist der Intrigant im Dienste der barbarischen Mehrheitsgesellschaft, der Othello in den Untergang führen soll.

Othello, gespielt von Ingo Hülsmann, tritt auf als ein kräftiger Krieger mit wippendem Gang und leicht gesenkten Schultern. Zuerst ist er nackt, in kniehohen Soldatenstiefeln, überströmt mit roter Farbe. Das Blut seiner Feinde, die er für die Republik Venedig hingemetzelt hat? Oder die Geschichte der erlittenen Demütigungen aufgrund der Farbe seiner Haut?

Sina Martens als seine geliebte Desdemona tritt ebenfalls kleiderlos auf, ihr Körper glänzt vor weißer Farbe. Und als die beiden übereinander herfallen, wilde Küsse tauschen und ihre Leiber aneinander pressen und reiben, geht von der Farbe etwas über auf den anderen. Das ist ein geradezu utopisches Moment, schon Kant hatte die universale Gleichwertigkeit aller Menschen begründet mit deren Fortpflanzungsfähigkeit über alle Grenzen hinweg.

Doch löst sich unter den herrschenden Verhältnissen die Differenz nicht auf. Trotz der deutlich erkennbaren Zeichen von Desdemonas Liebe auf Othellos Körper weiß der Chor ganz genau, wer nicht dazu gehören soll. Denn gerade diese Zeichen werden Jago zum Ansporn seiner Missgunst. Unerträglich ist diesem, der die eigene Frau mit äußerster Lieblosigkeit behandelt, der Gedanke, dass die Liebe über die Grenzen der Klassen und der Hautfarben reicht. Das zeigt den projektiven Charakter rassistischer Vorurteile, und auch deren reaktionäre Funktion.

Zu hämmernden Schlagzeugrhythmen entspinnt Jago seine politische Intrige. »Wenn Teufel Schlimmstes planen, ziehen sie sich Engelshemden an«, tut er kund. Als vermeintlich besorgter Freund spricht er mit Othello und weckt den Zweifel in ihm, so dass dieser bis zum Wahnsinn eifersüchtig wird auf den naiv-fahrigen Cassio, gespielt von Nick Holonics.

Jago liefert ein Paradebeispiel suggestiver Rhetorik, die immer im Unbestimmten bleibt, aber in den Andeutungen umso zerstörerischer wirkt, eine Rhetorik der Denunziation. Othello sieht sich von allen betrogen, er wähnt sich umstellt von Lüge und Verrat. Nur sieht er nicht, wer ihm das alles eingeflüstert hat - und auch wenn Jago immer wieder betont, dass er nur als Freund spricht, frei von eigenen Zielen oder egoistischen Dünkel, so handelt er doch interessengeleitet, insoweit er sich von dem Chor gestützt weiß.

Die Inszenierung richtet den Blick konsequent auf die Mechanismen und Strukturen der Gesellschaft, die notwendig Verlierer hervorbringt. Am Ende sind zwei Frauen tot (neben Desdemona noch Emilia, ihre Kammerdienerin und Frau von Jago, wunderbar schroff gespielt von Kathrin Wehlisch) - und auch Othello selbst. Sein tragisches Verhängnis war, dass er versuchte, sich nach den herrschenden Regeln zu behaupten, statt sich mit seiner Liebe gegen sie zu behaupten. Ein beeindruckend kluger und konsequenter Abend.

Nächste Vorstellungen: 25.4., 2.5.,3.5., 10.5., 11.5. und 28.5.

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