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Frau Berg übertrifft sich selbst

Mit ihrem neuen Roman »GRM. Brainfuck« geht Sibylle Berg nicht auf Lesereise – sie veranstaltet Performance-Shows

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 7 Min.

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Hunderte Menschen drängen sich an einem lauen Frühlingsabend in ein altes Backsteingebäude, in einen Raum ohne Fenster. Normalerweise sitzt man in Berlin an solchen Abenden gerne irgendwo an einem Kanal, doch die Tausend Personen, die eine Eintrittskarte im Festsaal Kreuzberg ergattert haben, verzichten gerne darauf.

Der Grund ist Sibylle Berg, die Autorin, die Ende der 90er Jahre mit dem Buch »Ein paar Menschen suchen das Glück und lachen sich dabei tot«, bekannt wurde. Seither gehört sie zu den sogenannten Bestseller-Autor*innen, also Schriftsteller*innen, deren Werke Hunderttausendfach verkauft werden. Menschen, die vom Schreiben gut leben können. Heute Abend wird sie ihr neuestes Buch »GRM.Brainfuck« vorstellen.

Zwei Frauen, Mitte dreißig, plaudern in der dichten Schlange vor der Ticket-Kontrolle. »Ich bin auf Facebook, glaube ich, oder vielleicht auch auf Instagram oder Twitter – da folge ich Berg ja auch – auf die Veranstaltung aufmerksam geworden«, erzählt Madlen Brückner, eine der beiden Frauen. Berg nutzt neue soziale Medien mehr, als man es von anderen Autor*innen gewöhnt ist. Zur Ankündigung ihrer Buch-Tour hat sie ein YouTube-Video produzieren lassen, das sie auf der Foto-Plattform Instagram verbreitet. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Zur Selbstdarstellung ihres Profils auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schreibt sie: »Kaufe nix, ficke niemanden«.

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Die Gegenwart wird zu Ende gedacht

Um die sogenannten sozialen Medien und die fortschreitende Digitalisierung geht es auch in ihrem neuesten Roman, in dem sie die Zukunft, das Leben in 30-50 Jahren, beschreibt. Glaubt man Berg, so überleben diese Medien, und sie werden immer wichtiger für die Menschen. Der Nachrichtendienst Whatsapp wird von Kindestagen an genutzt, Facebook ist eher ein Auslaufmodell, für alte Menschen. Das hört sich mehr nach der Gegenwart, als der Zukunft an? Stimmt. Diesen Gedanken hat man beim Lesen von »GRM.Brainfuck« öfters. Frau Berg, wie sich selbst nennt, denkt die Gegenwart ganz einfach zu Ende. Der Sozialstaat stirbt gänzlich aus, Jugendliche aus der Unterschicht setzen ihre Hoffnung in »Grime«, eine Musikrichtung, die in abgekürzter Form den Haupttitel des Romans ausmacht.

Lesen Sie hier das Interview: »Ich weiß, wie sich Armut anfühlt« - Sibylle Berg über ihren Zukunftsroman »GRM.Brainfuck« und darüber, was ihren Beruf der Schriftstellerin ausmacht.

»Die Musik ist nicht so mein Fall«, sagt Johannes Schuster, der mit einer jungen Frau in der Mitte des Raumes steht, auf gerader Linie zur Bühne, wo eine Leinwand aufgebaut ist. Diese wird mit grünen Zahlencodes bespielt, was an den Film »Matrix« erinnert. »Das Video finde ich ganz cool«, sagt Schuster. Auf etwa 100 Stühlen vor der Bühne haben Menschen Platz genommen, der Rest der Berg-Fans steht im Gang dazwischen, daneben und dahinter. Weitere volle Plätze gibt es auf der Empore. Im Hintergrund läuft Rap, schneller, als man es von Hip-Hop gewöhnt ist und schwer zu verstehen. Das ist »Grime«, die Musik, die Sibylle Berg in Rochdale, gefunden hat. In dieser wirtschaftlich abgehängten Stadt, mit rund 200.000 Einwohner*innen, in Manchester, beginnt die Zukunftsgeschichte.

Die ganze EU zerfällt

Später spielt sie in London. Berg entschied sich für Großbritannien als Schauplatz für ihre Geschichte, weil dort die Privatisierung von sozialstaatlichen Leistungen schon am weitesten vorangeschritten ist und es kaum noch eine Ecke gibt, in welcher man nicht von Kameras gefilmt wird. Auch die aktuellen politischen Entwicklungen in England, den Brexit und das Erstarken der politischen Rechten, findet Berg zukunftsweisend. Sie kann sich gut vorstellen, dass die ganze Europäische Union zerfällt und malt dieses Szenario geschickt aus.

Die Lichter gehen zusammen mit dem Video aus und Frau Berg tritt auf die Bühne. Sie ist schlicht in Schwarz gekleidet, die orangeroten, lockigen Haare wie immer oben zusammengesteckt. »Schön, dass Sie hier sind und nicht Game of Thrones gucken«, begrüßt sie das Publikum. Drei jugendliche Schauspieler*innen, welche die Hauptfiguren des Romans darstellen, treten ebenfalls auf die Bühne und nehmen auf einem braunen Sofa neben der Leinwand Platz. Sibylle Berg beginnt, vorzulesen und setzt sich einfach auf den Boden der Bühne, nah an das Publikum.

Don, die im Roman als Achtjährige »aber natürlich älter aussehend« beschrieben wird beginnt vorzulesen »Wir sind die ADHS-Generation« sagt Don. Peter steht vom Sofa auf und geht, während er spricht, auf den Rand der Bühne zu, bis er neben Frau Berg stehen bleibt und ergänzt mit lauter, fester Stimme: »Weitgehend unpolitisch, weil wir von unseren Eltern gelernt haben, dass es nichts bringt. Wir glauben an den Kapitalismus«. Die dritte Schauspielerin liest wieder vom Sofa aus einen Textabschnitt über die Bedeutung der »Grime«-Musik vor. Allerdings auf Englisch, anders als im Buch, einige Menschen im Publikum gucken zunächst verwirrt. Als Peter die Kindheit in Rochdale mit den Worten beschreibt »Margarine und Weißbrot gibt es fast immer«, lachen die Zuschauer*innen laut.

Sie wollen Krieg, dann kriegen sie Krieg

Das Licht geht wieder aus und ein 14-jähriger Rapper, T.Roadz, tritt auf die Bühne. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, eine Käppi und, wie die anderen jugendlichen Darsteller*innen, einen sportlichen Kapuzenpullover. Er rappt sehr schnell, wer Englisch nicht auf Muttersprache-Niveau spricht, hat keine Chance, alles zu verstehen. Doch durch Fetzen wie »You want war, you’ll get war« (zu Deutsch: »Sie wollen Krieg, dann kriegen sie Krieg«) lässt sich ein Bezug zu Bergs Buch herstellen. Das Publikum ist begeistert und klatscht. Für viele Zuschauer*innen ist es wohl das erste Mal, dass sie »Grime« hören, denn in Deutschland ist diese Musikrichtung noch nicht weit verbreitet. Berg spricht mit ihren negativen Prognosen die drängenden Fragen unserer Zeit an und zieht das Publikum in einen Bann, dem man aufgrund der multimedialen Performance schlicht nicht entkommen kann.

Mit der Rap-Einlage ist die Show noch nicht vorbei, Berg liest mit den Schauspieler*innen weitere Passagen vor. Im Laufe des Abends wechselt sich das Buch mit der Musik sozusagen ab. Auf die Frage, wie sie auf diese Idee kam, sagt Berg zum »nd«: »Die Zusammenarbeit mit T.Roadz und seinen Begleitern, Prince Rapid und Slix entstand aus der beiderseitigen Freude an einem ungewöhnlichen Projekt.« Die Darsteller*innen tragen einige Dialoge fast frei vor und gucken nur hin und wieder in das Textbuch. Besonders der Junge, der Peter spielt, ist in seiner Rolle sicher, tritt sehr selbstbewusst auf und überzeugt.

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Berg bewahrt ihre Gäste nicht vor ihrem schlechten Menschenbild, das sich nicht erst in diesem Roman durch die Zeilen dringt. Die Passagen, in denen Kinder vergewaltigt werden, klammert sie an dem Abend aus. Doch die Zeile »Menschen waren dazu eingerichtet, einander zu vernichten«, liest sie mit den Schauspieler*innen im Sprech-Chor vor, was besonders stark wirkt. Das erinnert an den berühmten Satz von Thomas Hobbes: »Der Mensch ist des Menschen Wolf«.

Nach solchen Auszügen tut die junge, frische Musik gut. Jedes weitere Mal, das der Rapper T.Roadz auf die Bühne tritt, wirkt das Publikum gelassener. Als die Show mit einer letzten Rap-Einlage abgeschlossen wird, bittet er die Zuschauer*innen immer laut mit »Brainfuck« zu antworten, wenn er »Grime« sagt. Es funktioniert. Die Mehrheit macht mit. Ein weißer Mann höheren Alters geht. Berg stützt sich mit den Armen auf dem Mischpult auf der Bühne ab, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Selbst Schuster, der zu Beginn sagte, er stehe nicht so auf den Rap, tanzt gelassen mit seiner weiblichen Begleitung. Der Mann geht mit der Musik mit, wie viele andere im Raum. Ist »Grime« also vielleicht gar nicht mehr so weit weg, nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart? Wie abgefuckt sind unsere Gehirne schon heute durch das ständige Checken von Whatsapp und anderen Nachrichten auf unseren Handys? Wenn wir es schaffen, dieses 633 Seiten starke Buch konzentriert, in einem Rutsch, bis zum Ende durchzulesen, sind wir zumindest noch nicht so verloren, wie die Kids in Rochdale und erfahren auch, dass nicht »alles schlimmer, sondern nur anders« wird, wie Frau Berg sagt.

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