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Wer hat uns verraten? Schwachmaten!

Andrea Nahles kann nichts für die Novemberrevolution

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kritik an Andrea Nahles und Olaf Scholz ist okay, aber doch bitte für ihre Arbeit und nicht die Fehler der SPD im letzten Jahrhundert.
Kritik an Andrea Nahles und Olaf Scholz ist okay, aber doch bitte für ihre Arbeit und nicht die Fehler der SPD im letzten Jahrhundert.

Natürlich zeitigen Nachrichten und Ereignisse in meiner Filterblase stets Reaktionen. In 90 Prozent der Fälle ahne ich schon, wie diese Reaktionen ausfallen. Ein Klassiker ist, wenn die Sozialdemokraten mal wieder so reagiert haben, wie man es sich nicht wünscht. Als zum Beispiel neulich die SPD keinen Draht zu den thematisierten Enteignungsforderungen finden konnte und das Vorhaben kritisierte, war klar wohin die Bubble steuert. Nein, nicht dass sie nur über die Sozis schimpfen würde. Das wäre ja noch in Ordnung. Man holt die ganz antiquierten Vorwürfe aus der Mottenkiste, das klingt dann so: »Typisch sozialdemokratisch, so waren die immer, man denke nur mal an die Kriegskredite«.

Gemeint ist jenes Einschwenken der seinerzeit als »vaterlandlose Gesellen« beschimpften Sozis in den Burgfrieden. 1914 war das. Ein weiterer beliebter Vorwurf, der immer dann kommt, wenn die heutige SPD was verbockt, hört sich lapidar so an: Seit Gustav Noske, dem Totschläger der Novemberrevolution, kann man die SPD nicht mehr wählen. Als ob einer der mir mehr oder weniger bekannten Nutzer bei Facebook schon um 1919/20 das Wahlrecht besessen hätte. Manchmal wird dann auch noch Willy Brandts Radikalenerlass aus den Siebzigern angeführt. Eine Kritik, die gegenüber den anderen Vorwürfen fast schon modern und zeitgenössisch wirkt.

»Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!« Nach bald einem Jahrhundert ist die Parole des Rotfrontkämpferbundes so aktuell wie selten. Er hat in den sozialen Netzwerken überlebt. Dort blüht er als Metaprotest gegen eine Sozialdemokratie auf, die heute zwar tatsächlich alles dafür tut, nicht mehr wählbar zu sein, die man aber mit alten Geschichten gleichzeitig zu einem historischen Irrtum herabmindert.

Diese Rückgriffe auf die alte, ja teilweise uralte Sozialdemokratie, nerven mich gewaltig. Was bitteschön hat das Versagen der heutigen SPD mit damals zu tun? Ich mache Andrea Nahles für einige Verfehlungen verantwortlich, als Arbeitsministerin hat sie fatal versagt. Für die Novemberrevolution kann sie jedoch nichts. Olaf Scholz mag der aktuelle Tagträumer einer baldigen sozialdemokratischen Kanzlerschaft sein, aber für die angeblichen Duckmäuseriche von 1933 muss er sich wahrlich nicht verantworten.

Das ist übrigens auch ein gelegentlicher Einwand, warum die SPD nicht mehr tragbar sein soll: Sie hat den Nationalsozialisten nicht ausreichend getrotzt und knickte ein – so eine Partei habe doch jeden Kredit verspielt. Helmut Kohl, der dicke Oggersheimer, lag mit der Gnade der späten Geburt nicht so falsch – mit zeitlichen Abstand ist Heldentum zuweilen recht simpel einforderbar.

Natürlich ist die heutige SPD ein Problemkind. Als Koalitionärin in einem Mitte-links-Bündnis ist sie keine Option. Besonders auch deshalb, weil sie solche Zusammenschlüsse selbst ausschließt. Aber bei manchen der »historischen Kritiker« der Partei spürt man eben keine pragmatisch-kritische Haltung, sondern ein zwanghaftes Ausschließen der Sozialdemokratie als alternativen Kurs für das Land. Nicht, weil die SPD heute eine Politik betreibt, die sich von den schwächeren Gliedern der Gesellschaft entfernt hat, sondern weil sie dem Kapitalismus in Urzeiten der Republik oder schon vorher nicht abgeschworen hat.

Diesen »Kritikern« geht es nicht um Lösungsorientierung, um Sondierung von Möglichkeiten, eine linke Alternative zum neoliberalen Kurs zu etablieren. Sie bewegen sich in einem abgehobenen Kosmos, in dem es nicht weniger als um blütenreinen Moralismus geht, um rigoroses Linkssein, bei dem die SPD nun mal historisch bedingt schlecht abschneidet. Esoterik als Politikersatz.

Jene Rückgriffe auf »alte Verbrechen« der Sozialdemokraten zeugen von hochgradig statischem Denken. Als ob Parteien sich nicht wandeln, sich bewegen würden, als ob sie dauerhaft von denselben Köpfen verwaltet werden. Es ist Geschichtsvergessenheit in radikaloppositioneller Haltung.

Kritik an der heutigen SPD: Immer gerne. Die ist ja beileibe berechtigt und muss sein. Warum? Damit sich die Sozis verändern, doch wieder eine Alternative werden. Ohne SPD gibt es keine Option auf einen Kurswechsel. Sie ist das Vehikel. Wer sie aber mit historischen Kniffen für alle Zeiten ausschließt, der glaubt nicht an geschichtliche Dynamiken und der verkehrt die alte Parole in ihr Gegenteil: Wer hat uns verraten? Auf 1914 pochende Schwachmaten!

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