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Moussa Tchangari über die wachsende Frustration in Niger und die Avantgarde der Migrantinnen und Migranten

  • Von Franza Drechsel
  • Lesedauer: 3 Min.

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Herr Tchangari, in Deutschland wissen nur wenige Genaueres über Niger. Wie ist die Alltagssituation vor Ort?

Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es mangelt häufig an Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Nahrungsmitteln und Trinkwasser. 70 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 25 und ohne Bildung, ohne Job und nicht Teil von Entscheidungsprozessen. Zwei bis drei Millionen Menschen - in einem Land mit fast 20 Millionen Einwohnern - leiden jährlich an Nahrungsmittelkrisen.

Jährliche Nahrungsmittelkrisen? Warum?

Das Land liegt in der Sahelzone, wo es selten regnet. Die Landwirtschaft findet in drei Monaten im Jahr statt - in der Regenzeit. In den vergangenen Jahren breitet sich aber zunehmend Trockenheit aus und es regnet entweder zu stark oder zu wenig. Mit den Strukturanpassungsprogrammen der 1980er Jahren wurden zudem die staatlichen Subventionen abgeschafft; das hat dazu geführt, dass weniger erzeugt wird.

Was ist die Folge?

Die Erzeugung reicht nicht fürs ganze Jahr. Das war früher auch schon so und darum ist Migration ein integraler Bestandteil unseres Lebens: Die Menschen suchen während der Trockenzeit in benachbarten Städten oder auch Ländern Arbeit. Aber das wird immer schwieriger.

Liegt das etwa an der EU-Migrationspolitik?

Genau! Niger folgt den Vorgaben der Europäischen Union und schränkt die Bewegungsfreiheit ein - dabei ist das ein Grundrecht! Speziell in der ECOWAS-Zone in Westafrika, wo seit 1979 ein Vertrag gilt, der es allen Bürgern dieser Staaten erlaubt, sich frei zu bewegen und auch niederzulassen. Jetzt wurden die EU-Außengrenzen externalisiert.

Was heißt das konkret?

Eine Senegalesin kann nicht mehr über Mali nach Niger, ein Nigrer nicht mehr nach Algerien oder Libyen. Dabei wollen die Leute gar nicht unbedingt in die EU! Das ist das eine. Das andere ist, dass die Wirtschaft, die mit der Migration verbunden war, zusammengebrochen ist. Es ist, als würde man Berlinern sagen: In die Stadt dürfen keine Touristen mehr kommen. Ein ganzer Markt ist weggefallen!

Aber die Regierung erhält doch Gelder von der EU?

Das kompensiert aber nicht, was wir verloren haben. Deutschland ist ein wichtiger Geber des Emergency Trust Fund for Africa. Da werden einzelne Projekte finanziert und von Agenturen wie der staatlichen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt. Aber was haben wir davon?

Ja, was denn?

Gar nichts! Im Gegenteil, wir verlieren nicht nur ökonomisch, auch politisch. Die Frustration steigt und damit die Wahrscheinlichkeit von Aufständen. Wir finden hier kein Auskommen, dürfen es auch woanders nicht suchen, unsere Wirtschaft wird zerstört und wir haben keinen Einfluss auf politische Entscheidungen. Auf Kritik reagiert die Regierung mit Repression. Da bleibt wenig Wahl.

Außer der klandestinen Migration?

Ja. Man könnte sagen, diejenigen, die trotz aller Beschränkungen und Risiken migrieren, sind eine Avantgarde. Diejenigen, die bleiben, wollen überleben. Diejenigen, die gehen, träumen von etwas Größerem. Erstere sind resigniert, andere so mutig, dass sie über räumliche und ihre eigenen Grenzen gehen.

Was wäre die Lösung?

Es bräuchte eine globale Umverteilung, denn ein Prozent der Weltbevölkerung lebt auf Kosten von 99 Prozent. Aber dazu bedarf es einer starken Linken. Da die linken Parteien in Europa derzeit versagen, muss die Zivilgesellschaft darüber aufklären, dass Migration nicht das Problem ist. Wenn alle Immigranten in Deutschland streiken würden, wäre sehr schnell klar, dass ohne sie kaum was läuft. Das Problem ist die Ein-Prozent-Elite und die gilt es zu entmachten.

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