Innovationskraft des Kapitalismus

Die Neuerfindung des Baumes

Velten Schäfer preist das Kapital für seine Innovationskraft

Von Velten Schäfer

Bald werden sie wieder aufmarschieren, diese Leute, die am Kapitalismus herumkritteln. Wenn sie ihn nicht ganz loswerden wollen! Um solchem Ressentiment entgegenzutreten, ist es gerade dieser Tage wichtig, an seinen Nutzen für die Menschheit zu erinnern. Nicht zuletzt sorgt er immer wieder für gänsehautträchtige Kontroversen um Subtexte von Warenästhetik: So war in Berlin für Samstag eine Kundgebung gegen eine Baumarktwerbung angekündigt, in der es - was auch immer das mit Wandfarbe und Gartenlauben zu tun hat - um schwitzig-deutsche Herrenwäsche und asiatische Frauen geht. Zuallererst freilich bestimmt sich der Segen des Systems, das Geld in Ware und diese in mehr Geld verwandelt, anhand seiner disruptiven Innovationskraft, die Profit mit Allgemeinwohl in symbiotischer Weise verbindet.

Auch im vergangenen Jahr häufen sich hierfür die Beispiele. So hat sich die Weltkreativitätszentrale Facebook die Funktion »Premiere« ausgedacht. Diese ermöglicht, dass Videos vom Publikum zum gleichen Zeitpunkt angesehen werden können, also zur Erstveröffentlichung! Früher nannte man das Fernsehen, aber es war halt nicht neu. Wenn Sie dies nun noch nicht ganz überzeugt, weil Sie vielleicht mehr an Wirklichkeiten jenseits Ihres Bildschirms interessiert sind, sollten Sie sich nach Stuttgart begeben. Denn in der smarten Schwabenmetropole hat eine smarte Neuerungsagentur dem Oberbürgermeister einen konzeptuell runderneuerten Stadtbaum verkauft. Vorzustellen hat man sich das wie ein senkrecht aufgestelltes Kleingartenhochbeet, in dem flach wurzelndes Pflanzmaterial eher spärlich vor sich hingrünt. Zweifellos ein wichtiger Baustein für die ökosolidarische Metropole der Zukunft - und die Bilanz jenes Innovationsanbieters, denn dem Vernehmen nach wurden für drei dieser Neubäume 100 000 Euro ausgegeben.

Den mit einem kostenpflichtigen Vollabo dotierten Innovationspreis dieser Zeitung gewinnt heuer indes der Versandhändler Amazon. Sein nun präsentiertes Konzept »Amazon Locker« verbindet vorbildlich On- und Offlinewelten. Statt an die Wohnungstür liefert man nun in großzügig im Raume verteilte Selbstabholschränke! Hierbei handelt es sich nur auf einen ersten Blick um einen Relaunch der postlagernden Sendung. Sein wahres Potenzial entfaltet der »Locker« in Kombination mit Amazons bereits erprobten Ladengeschäften: Erst begeben Sie sich in eine solche Lokalität, dann bestellten Sie den Krempel im Internet - und spazieren anderntags zum Abholschrank, um ihren Quartalsbedarf an Katzenfutterdosen entspannt nach Hause zu tragen.

Und mehr noch: Laut Insiderinformationen ist bereits eine Kooperation mit dem Mobilitätsanbieter Uber in Planung, um den Prozess des Einkaufstransportes noch umfassender zu optimieren.