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Rebellion der Aktionäre

Auf der Bayer-Hauptversammlung wird der Vorstand nicht entlastet. Das ist ein historischer Vorgang

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es ist eigentlich ein fest eingespieltes Ritual. Immer wenn ein Großkonzern seine Hauptversammlung abhält, wird dagegen auch protestiert. Bei RWE sind es vorrangig Kohlegegner, bei ThyssenKrupp Antimilitaristen und bei Bayer traditionell Menschen, die vor dem sorglosen Umgang mit Chemikalien warnen. Diese Proteste, an Wochentagen und in der Regel vormittags, fallen meist nicht allzu groß aus. Ein paar Schildchen, Trillerpfeifen und Flugblätter, das war es dann auch schon.

Als sich Bayer-Aktionäre am Freitag zur Hauptversammlung in Bonn versammelten, sah das anders aus. Rund 500 Fridays-for-Future-Schülerinnen und -Schüler zogen demonstrierend von der Innenstadt bis zum Konferenzzentrum. Sie hatten klare Forderungen an Bayer. Der Konzern solle keine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung beantragen. Diese reicht noch bis 2022. Die krebserregende Substanz habe auf Feldern, auf denen Essen wachse, nichts zu suchen und fördere das Artensterben. Außerdem solle Bayer die Patentierung von Saatgut beenden. Sie lähme ökologische Innovationen und schade Umwelt und Klima. Eine weitere Forderung der Aktivisten: Bis 2035 soll Bayer klimaneutral werden. Denn durch die Übernahme von Monsanto habe sich die Klimabilanz des Konzerns massiv verschlechtert.

Nicht nur die Schülerinnen und Schüler protestierten gegen die Bayer-Hauptversammlung, sondern auch zahlreiche Umweltverbände, NGOs und Parteien. Marius Stelzmann von der »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG), die seit den späten 1970er Jahren gegen Bayer aktiv ist, erklärt: »Unser Protest an der Hauptversammlung bringt die vielen verschiedenen Menschen zusammen, die darunter leiden müssen, dass Bayer Profit über Ethik stellt. Die Situation, in der der Konzern sich befindet, war selten so dramatisch wie heute.« Die Demonstranten kritisieren Bayer als »weltführenden Gift-Konzern«. Mit der Übernahme von Monsanto habe man einen Konzern gekauft, der »wirtschaftliche Interessen über den Schutz von Menschen und Umwelt gestellt hat«. Der LINKE-Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel kritisierte den Monsanto-Deal als »bittere Pille für den Umwelt- und Verbraucherschutz, denn Bayer und Monsanto stehen beide für die totale Durchkapitalisierung des globalen Agrarsektors«.

Zdebel fürchtet, Bayer könne mit einem Marktanteil von 25 Prozent im Bereich der Pestizide und 90 Prozent bei gentechnisch veränderten Pflanzen »eine noch aggressivere Patentpolitik, insbesondere in den Entwicklungsländern, betreiben und noch riskantere genmanipulierte Designer- pflanzen auf den Markt bringen«. Die Bundesregierung fördere Agrarkonzerne wie Bayer in der Entwicklungszusammenarbeit und trage damit zur Verdrängung von Kleinbauern bei. Damit konterkariere sie ihr selbst gestecktes Ziel der Armutsbekämpfung, so der LINKE-Politiker.

Die »Coordination gegen Bayer-Gefahren« kritisierte auch das Geschäftsgebaren des Konzerns im Zusammenhang mit der Hauptversammlung. Trotz der Ankündigung, 12 000 Jobs abzubauen und eines massiven Kurseinbruchs auf nur noch 60 Euro von über 100 Euro vor einem Jahr, werde den Aktionären wieder eine Dividende von 2,80 Euro versprochen. Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der CBG sieht darin den Versuch, die Aktionäre »bei der Stange« zu halten.

Doch dieser Versuch missglückte bei der Hauptversammlung deutlich. Bis zum Abend dauerte die Aussprache, und nicht nur umweltbewegte, kritische Aktionäre gingen mit dem Vorstand hart ins Gericht. Zahlreiche Anleger äußerten, der Bayer-Vorstand sei sich den Risiken der Übernahme von Monsanto nicht bewusst gewesen. Die Glyphosat-Klagen in den USA, die zu millionenschweren Zahlungen führen können, könnten dem Konzert stark zusetzen.

Am Ende verweigerten 55 Prozent der Aktionäre dem Vorstand die Entlastung. Das gilt als historisch einmaliger Vorgang. Rechtliche Folgen hat das zwar nicht, ist aber ein deutliches, wie auch ungewöhnliches Zeichen. Bayer-Vorstandschef Werner Baumann ist nun angeschlagen. Seine schnelle Ablösung gilt allerdings nicht als wahrscheinlich, denn noch erhält er Rückhalt vom Aufsichtsrat des Konzerns. Dieser teilte Freitagnacht mit, den Vorstand dabei unterstützen zu wollen, das Vertrauen in das Unternehmen und seine Strategie zurückzugewinnen.

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