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Der Blutmai schmerzt wie eine alte Wunde

Mit diversen Veranstaltungen wird in Berlin an die Opfer des Polizeiterrors vom Mai 1929 erinnert

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Die traditionellen Maifeierlichkeiten endeten in Berlin 1929 in einer von der Polizei entfesselten Gewaltorgie. An die Ereignisse, die als »Berliner Blutmai« weitreichende Bedeutung über Berlin hinaus hatten, erinnert beispielsweise ein Gedenkstein an der Walter-Röber-Brücke im Stadtteil Wedding. Er trägt die Inschrift »Anfang Mai 1929 fanden hier bei Straßenkämpfen 19 Menschen den Tod. 250 wurden verletzt.« Im »Roten Wedding«, in den 1920er Jahren eine KPD-Hochburg, setzte die Polizei Panzerwagen und Maschinengewehre ein.

Am 1. Mai galt ein vom SPD-Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel (1878- 1961) für ganz Preußen im März verhängtes Demonstrationsverbot. Als vor allem die KPD und linke Gewerkschaften dennoch ihre Anhänger auf Straßen und Plätzen versammelten, ließ Zörgiebel die Berliner Polizei mit ausdrücklicher Billigung des preußischen Innenministers Albert Grzesinski (1878-1947), ebenfalls ein rechter SPD-Politiker, mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vorgehen. Vom 1. bis zum 3. Mai kam es in den Bezirken Mitte, Wedding und Neukölln zu regelrechten Hetzjagden. Die Polizeiführung brachte 13 000 Beamte zum Einsatz und ließ scharf schießen - 33 Menschen, vor allem unbeteiligte Passanten und sogar Anwohner in ihren Wohnungen, wurden erschossen. Es gab mehr als 160 zum Teil schwer Verletzte, an die 1500 Personen wurden festgenommen.

Der 1. Mai war in der Weimarer Republik kein offizieller Feiertag. Dennoch begingen auch in Berlin Sozialdemokraten, Kommunisten sowie die Gewerkschaften diesen Tag traditionell als ihren Kampf- und Feiertag. Doch hatte sich die Spaltung der Arbeiterbewegung vor allem nach Gründung der KPD und der blutigen Niederschlagung der nachrevolutionären Unruhen auf Geheiß führender rechter SPD-Kreise vertieft. Spätestens seit der 6. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1928 die Sozialdemokratie zum Hauptfeind erklärt hatte, war das Verhältnis zwischen KPD und SPD vollends zerrüttet.

Politisch hauptverantwortlich für die Eskalation der Gewalt waren Zörgiebel und Grzesinski, die es im Grunde auf ein Verbot der KPD und vor allem des Roten Frontkämpferbundes (RFB) abgesehen hatten. Daran ließ auch der Schriftsteller Bernd Langer in der vergangenen Woche vor Publikum im Karl-Liebknecht-Haus in Mitte in seiner Analyse der historischen Ereignisse keinen Zweifel. Das am 3. Mai tatsächlich verhängte RFB-Verbot galt später »reichsweit«. Gemeinsam mit dem Journalisten Markus Bernhardt hatte sich Langer dem Thema »90 Jahre Blutmai 1929 - Geschichte und Aktualität« gewidmet. Bernhardt hatte einen »Bogen zur gesellschaftlichen Aktualität« geschlagen und vor dem historischen Hintergrund vor den Konsequenzen der Verschärfung der Polizeigesetze in den Ländern, der Tendenz der Militarisierung der Polizei, vor dem »autoritären Staat, in dem Freiheitsrechte sukzessive abgebaut werden«, gewarnt. Der Abend im Parteihaus der LINKEN war Teil einer Reihe von Veranstaltungen, die den »Blutmai«, der nach Einschätzung vieler ein Menetekel für die Weimarer Republik darstellte, wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken sollte. Eine Ausstellung mit dem gleichen Titel ist noch bis zum 31. Mai im »Spinner und Weber« in Brüsseler Straße 37, Wedding (donnerstags und freitags 17 bis 20 Uhr) zu sehen.

So fand am Samstag eine Lesung aus dem 1931 erschienen Buch »Barrikaden am Wedding« von Klaus Neukrantz im »silent green« in der Gerichtstraße 25 statt. Und am Sonntag gab es eine öffentliche Putzaktion am Gedenkstein an der Walter-Röber-Brücke. Denn am 4. Mai wird dort um 11 Uhr neben dem Findling eine kleine Infostele eingeweiht. Ein dort aufgebrachter QR-Code führt auf eine Internetseite, auf der die Geschehnisse von 1929 erläutert werden.

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