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Das MyFest ist Opfer des eigenen Erfolgs

Der 1. Mai in Kreuzberg ist so aus dem Ruder gelaufen wie die Gentrifizierung, sagt Aktivistin Coni Pfeiffer

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Mieten- und Verdrängungsthema steht ganz oben auf der Agenda vieler 1.-Mai-Demonstrationen. Wie sieht es in Kreuzberg, genauer im Reichenberger Kiez, gerade aus?

Von den meisten Fällen erfahren wir, wenn Betroffene sich bei uns melden. Aktuell engagieren wir uns zum Beispiel für die Sportschule Yayla in der Forster Straße. Noch lernen hier 170 Kinder und Jugendliche aus dem Bezirk Taekwondo. Der alte Vertrag lief Ende 2017 aus und die Eigentümerin »Elfte Berlin Fonds Minerva Internationale Immobilienprojekte GmbH & Co. KG« stellte die Schulbetreiber vor die Wahl: Doppelte Miete zahlen oder einen Nutzungsvertrag unterschreiben, mit dem die Schule die Halle nur noch 18 Stunden in der Woche nutzen darf. Mit einem Nutzungsentgelt, das höher wäre als die jetzige Miete! So will der Eigentümer noch von anderen Nutzern Geld einnehmen. Ein anderer Fall ist die »Meuterei« in der Reichenberger Straße 58. Dem Kneipenkollektiv droht zu Ende Mai das Aus, da die Eigentümerin »Zelos Properties GmbH« das Mietverhältnis nicht verlängert.

Was bedeutet das für den Kiez?

Wenn solche Orte schließen müssen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können oder die Eigentümer Verträge nicht verlängern, weil sie auf den maximal möglichen Profit aus sind, geht ein weiteres Stück einer gewachsenen Struktur verloren. Und wir müssen uns fragen: Ist das die Stadt, in der wir leben wollen? Welche Dinge wollen wir erhalten? Hier leben viele Menschen, die soziale Leistungen beziehen. Was hier in Eigentum umgewandelt wird und wie gebaut wird, hat mit dem normalen Segment überhaupt nichts mehr zu tun. Es gibt nur noch Luxus und High End. Das bevorstehende Reichenberger Kiezfest am 18. Mai macht auch auf diese Problematik aufmerksam. »Gegen Aufwertung und Verdrängung« ist auch in diesem Jahr wieder das Motto.

Welche Modelle sollten mehr gefördert werden?

Was man aus vielen selbstverwalteten Häusern, wie auch diesem hier, in dem wir sitzen, lernen kann, ist: Man muss keine horrenden Mieten erheben, um ein Haus zu erhalten. Die Kostenmieten zeigen doch, dass auch ein altes Haus gut in Schuss sein kann, wenn die Miete gering ist. Wenn wir das Feld weiterhin den Neoliberalen überlassen, fliegen wir hier alle früher oder später raus - egal, ob wir Gering-, Mittel- oder Gutverdiener sind. Am Ende bleiben nur die, die richtig viel Geld haben. Das gilt auch für die Gewerbetreibenden und deren Mieten. In etlichen Akelius-Häusern hier um die Ecke stehen seit Jahren Räume leer. Die Konzerne könnten sich angesichts der Debatte jetzt drehen, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht.

Wie können die Wohnkonzerne eingefangen werden?

Es sollte ganz klar über Enteignung gesprochen werden, so wie es die Initiative »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« tut. Die Stadt braucht Wohnraum, den normale Menschen bezahlen können, anstatt teure Eigentumswohnungen. Glücklicherweise gibt es immer mehr engagierte Nachbarn und Hausgemeinschaften, die sich wehren und fragen: Was wird mit uns? Hier im Kiez mussten Ende letzten Jahres zwei Apotheken schließen. Große Sorgen machen wir uns auch um das Areal an der Ratiborstraße 14. Es gibt da nicht nur den Wagenplatz, der nicht verdrängt werden darf. Bei den Gewerbetreibenden der Werkstätten laufen Ende 2020 die Gewerbemietverträge aus. Der Bezirk soll Unterkünfte für Geflüchtete bauen. Da müssen wir aus verschiedenen Gründen genauer hinschauen: Geht es hier wirklich um »wohnen«, wenn zwei Menschen auf 15 Quadratmetern untergebracht werden sollen? Wie problematisch ist es, auch die angrenzenden Grünflächen zuzubauen? Es gibt unterschiedliche Begehrlichkeiten, die man kritisch betrachten muss.

Wie seht Ihr dem 1. Mai hier im Kiez entgegen?

Wir waren schon im letzten Jahr der Meinung, dass das Konzept »MaiGörli« für den Kiez überhaupt nicht passend ist und sind froh, dass es zu diesem Jahr wieder eingestellt wird. Der neue Ansatz »ein ganz normaler Tag im Park« wird aus meiner Sicht jedoch zur Folge haben, dass sich die Leute verstärkt in die Straßen drumherum ergießen werden. Das 1.-Mai-Konzept für Kreuzberg ist generell aus dem Ruder gelaufen. Das Ereignis ist für viele nur noch eine Kulisse, so wie der Rest von Kreuzberg im übrigen auch. Das MyFest ist in meinen Augen das Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Die meisten, die da vorbeigehen, interessiert das, was hier im Kiez passiert, alles nicht. Von daher begrüßen wir, dass das Fest wieder politischer werden soll. So wie das Fest auf dem Mariannenplatz, wo wir auch in diesem Jahr wieder mit einem Stand dabei sein werden, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Dass die diesjährige 18-Uhr-Demonstration durch Friedrichshain zieht, ist beinahe eine logische Konsequenz. Die Route führt an Plätzen vorbei, wo großflächig Gentrifizierung stattgefunden hat und noch immer stattfindet.

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