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Betriebsrat: S-Bahn droht Betriebseinstellung

Mangel an Fahrdienstleitern könnte Verkehrs komplett lahmlegen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

Zehn Jahre nach der großen Krise 2009 droht nach Ansicht eines Betriebsrates der DB Netz AG erneut ein Zusammenbruch des S-Bahnverkehrs in Berlin. Grund sind diesmal nicht die unterlassene Wartung und die Verschrottung von Fahrzeugen, auch ein Fahrermangel ist nicht mehr schuld. Diesmal könnte die katastrophale Personalsituation in der Betriebszentrale der Berliner S-Bahn in Halensee für großflächige Ausfälle beim Betrieb sorgen. Davor warnt der »Betriebsrat N.II.3 DB Netz AG – Regionalbereich Ost« in seinem »NetzBlattExtra«, das »nd« vorliegt.

»Auslöser für diese Befürchtung ist insbesondere der extreme Personalmangel, hervorgerufen durch klassische Managementfehler wie Fehleinschätzungen bei der Personalbedarfsplanung und unzureichende Personalbeschaffung«, heißt es vonseiten des Betriebsrates. Anstrengungen, das fehlende Personal nachzuführen, verpufften auch deshalb, weil Fahrdienstleiter der S-Bahn-Betriebszentrale sich auf andere Stellen bewerben. Selbst die Rekrutierung von Auszubildenden, die erst Jahre später verfügbar sind, werde nicht vordringlich für die S-Bahn vorgenommen, erst mal werde die Betriebszentrale der Fernbahn versorgt, schreiben die Beschäftigtenvertreter. »Zahlreiche Überlastungsanzeigen der Kolleginnen und Kollegen sind deutliches Anzeichen dafür, dass es so nicht weitergehen kann«, heißt es weiter.

»Inzwischen ist die Situation so weit zugespitzt, dass eine Betriebseinstellung nicht mehr auszuschließen ist!«, schreibt der Betriebsrat unmissverständlich. Bei den Beschäftigtenvertretern bestehe vielmehr der Eindruck, dass die Betriebszentrale der S-Bahn seit der Übernahme durch die DB Netz AG im Jahr 2016 »sogar systematisch behindert« werde. Die Situation wirke sich auch auf die Deutsche-Bahn-Tochter S-Bahn Berlin GmbH aus. Bekanntlich wird das Ausschreibungsverfahren für zwei Drittel des Netzes durch die Länder Berlin und Brandenburg vorbereitet, bei dem laut Willen der Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) auch Konkurrenten zum Zuge kommen sollen. Die Koalitionsfraktionen von SPD und LINKE wenden sich strikt gegen eine Zerschlagung des S-Bahn-Betriebs.

»Eine mögliche Betriebseinschränkung, die auf die DB Netz AG zurückzuführen wäre, würde den Ausschreibungsbefürwortern dabei Wasser auf die Mühlen sein«, heißt es im bereits am 11. April erschienenen »NetzBlattExtra«. Tausende Arbeitsplätze seien gefährdet, die Deutsche Bahn könnte Millionen Zugkilometer und die entsprechenden Einnahmen verlieren. Selbst Konkurrenten wären jedoch möglichen Problemen der Betriebszentrale ausgeliefert. Als Teil des Netzbetriebs verbleibt sie auch bei einer Ausschreibung bei der Deutschen Bahn. Sie ist das Herzstück des S-Bahn-Betriebs, wie sich zuletzt beim Eisenbahnerstreik im Dezember 2018 zeigte. Bei Dienstantritt verweigerten die Fahrdienstleiter die Arbeit, in der Folge kam auf dem Großteil des S-Bahn-Netzes der Zugverkehr zum Erliegen.

Tatsächlich hat die Personalnot, in deren Folge sich ein Fahrdienstleiter teilweise um zwei Bedienplätze kümmern muss, nach nd-Informationen schon jetzt Auswirkungen auf den Betrieb. Nach Angaben eines Beschäftigten ist der Personalmangel der Grund dafür, dass auf dem S-Bahn-Abschnitt zwischen Treptower Park und Baumschulenweg derzeit wochentags tagsüber nur noch die S9 im 20-Minuten-Takt verkehrt. Offiziell heißt es, dass man wegen der noch bis kommenden Sonntag andauernden Sperrung der Ringbahn zwischen Greifswalder Straße und Schönhauser Allee möglichst vielen Fahrgästen die einfache Umfahrung mit der U8 zwischen Hermannstraße und Gesundbrunnen ermöglichen möchte. Auch das teils mangelhafte Betriebsmanagement und die ungenügende Fahrgastinformation bei Störungen hängen mit der dünnen Personaldecke zusammen.

»Auswirkungen auf den S-Bahn-Verkehr in Berlin und Brandenburg und damit auf unsere Fahrgäste gibt es nicht«, wiegelt ein Sprecher der Deutschen Bahn auf nd-Anfrage ab. Um kurzfristig die Situation in der Betriebszentrale Berlin zu entspannen, würden Mitarbeiter beispielsweise aus anderen Einsatzorten zur Unterstützung angesprochen. »Wir nehmen das Thema ernst und werden auch weiterhin den ständigen Dialog mit Betriebsrat und Mitarbeitern führen«, erklärt der Bahnsprecher weiter. Das ist leicht untertrieben. nd-Informationen zufolge ist sogar die Konzernspitze mit dem Problem befasst. Es herrscht Angst vor »Mainzer Verhältnissen«. Zuletzt vergangene Woche konnten stundenlang Züge weder den Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens noch den Mainzer Hauptbahnhof. Grund war die Krankmeldung eines einzigen Stellwerksbeschäftigten. Im August 2013 fielen wegen Krankheitsfällen sogar wochenlang Züge in dem Bereich aus, es wurde weltweit darüber berichtet.

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