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Glockengeläut und ein Kasten Bier

Seit er das Programm kennt, freut sich Andreas Koristka schon auf die Feierlichkeiten zum Wende- und Einheitsjubiläum

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das Leben als Heimatminister ist kein einfaches. Bei der Vielfalt der deutschen heimatlichen Befindlichkeiten fällt es schwer, alles im Auge zu behalten. Nun macht man sich über Horst Seehofer lustig, weil er das Jubiläum zum Tag des Mauerfalls und der Deutschen Einheit in diesem und im nächsten Jahr vergessen zu haben scheint.

Dabei hat das Ministerium doch recht, dass es verwunderlich ist, dass die Bevölkerung diese Jubiläen in Deutschland groß feiern möchte. Denn eigentlich hört man über die Wiedervereinigung nur Gemecker im Land. »Das Bedürfnis ist unvorhergesehen« gewesen, ließ man mitteilen. Seehofer und seine Mitarbeiter konnten ja nicht ahnen, dass die Menschen überall in der Republik schon ihre Gedichte und Freudenlieder einstudierten, um sie an den großen Tagen feierlich vortragen zu dürfen.

In Oggersheim wollen pfälzische Volkstanzgruppen gar eine Menschenpyramide aus 50 Personen bauen, die am Ende so groß werden soll wie der Einheitskanzler selbst. In Niedersachsen will man mit Tausenden Rauchbomben und Glockengeläut an das Einrücken von Millionen von Zweitaktern erinnern. Und in Sachsen soll zu Ehren der wiedervereinigten deutschen Nation feierlich eine Flüchtlingsunterkunft angezündet werden.

Jetzt hat das Ministerium eigens für die Festlichkeiten ganz eilig noch einmal 61 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt beantragt. Davon sollen jeder deutschen Stadt mindestens ein Kasten Bier und eine Plastikstuhlgarnitur spendiert werden. So ist für alles gesorgt, nur gute Laune muss selbst mitgebracht werden. Wer in Eigenregie einen Nudelsalat machen möchte, findet dafür passende Rezepte auf der Ministeriumshomepage. Frau Seehofer macht Frikadellen.

Bei 61 Millionen Euro sollte genügend Geld übrig sein, um in Berlin zudem einen zentralen Festakt stattfinden zu lassen. Das Line up für das große Konzert am Brandenburger Tor steht jetzt schon fest. Unter anderem Neil Young, Cat Stevens und Dagmar Frederic werden den Massen einheizen, bevor der Berliner Nachthimmel von einem grandiosen Feuerwerk illuminiert wird.

Aber auch Freunde der gerunzelten Augenbrauen werden nicht zu kurz kommen. Wie das Ministerium verlauten lässt, sollen die Feierlichkeiten von einem »ernsthaften, ehrlichen Dialog« über die Probleme und den Stand des Zusammenwachsens von Ost und West geprägt sein. In einem eigens eingerichteten Pavillon werden auf der Festmeile die ehemaligen Ingenieure des Schwermaschinenbau-Kombinats »Ernst Thälmann« ihren Werdegang seit ihrer Entlassung 1990 in einer Travestieshow illustrieren. Sie werden von ihren zahlreichen Rückschlägen und Niederlagen berichten: von der bitteren Enttäuschung darüber, dass Wolfgang Schäuble damals nicht die SED verbieten ließ, bis hin zu den kleinen Erfolgen und Hoffnungsschimmern wie den zeitlich befristeten Aufstockerjobs im Callcenter.

In einer grandiosen Live-Performance wird zudem Olli Dittrich die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski in voller Länge nachspielen und die Treuhand wird in einer Lasershow ihre größten Erfolge in den Kunstnebel malen. Sollte danach immer noch ein bisschen Geld übrig sein, dann kauft Horst Seehofer persönlich allen anwesenden Kindern ein KING Jr. Meal von Burger King. Wenn es das Budget weiterhin zulässt, gibt es sogar einen Flutschfinger aus dem Spätkauf obendrauf.

Pünktlich um 23.30 Uhr - als seinerzeit an der Bornholmer Straße der erste Schlagbaum hochging - muss Angela Merkel dann neben dem süffisant grinsenden Seehofer nackt aus einer auf die Bühne geschobenen Torte springen, während Wolf Biermann zusammen mit den Scorpions ein Medley aus »Wind of Changes« und »Warte nicht auf bessre Zeiten« trällert.

Man kann über Horst Seehofer viel Schlechtes sagen, aber spontane Partys organisieren kann der Mann!

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