Werbung

Wenn Rechte den Algorithmus austricksen

Linke Initiativen, Satire und nun die »Jüdische Allgemeine«: Offenbar nutzen Rechte ein Meldetool gegen Desinformation zur Europawahl für die Sperrung von Twitteraccounts aus

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Berlin. Weil die »Jüdische Allgemeine« ein dpa-Interview mit dem israelischen Botschafter zum Umgang mit der AfD getwittert hat, hat der Kurznachrichtendienst den Zugang des Blattes vorübergehend gesperrt. »In einer Mitteilung des Onlinedienstes hieß es, man habe gegen die Regeln «zum Veröffentlichen von irreführenden Informationen zu Wahlen» verstoßen«, zitierte die »Jüdische Allgemeine« auf ihrer Webseite am Montag.

Daneben war ein Screenshot zu sehen, wonach die Sperre zwölf Stunden gelte. Twitter führt dort den Interview-Tweet explizit als Auslöser auf. »Seit der Sperrung der Account-Funktionen kann die «Jüdische Allgemeine» keine Tweets mehr verbreiten.«

Israels Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, hatte der Deutschen Presse-Agentur gesagt, er meide jeden Kontakt zur Alternative für Deutschland (AfD) wegen deren Haltung zum Holocaust. Dieser Satz aus dem am frühen Sonntagmorgen verbreiteten Agenturtext war auch in dem Tweet der »Jüdischen Allgemeinen« vom Sonntagnachmittag zu lesen. Am Montagmorgen folgte die Sperrung.

Twitter gibt Fehler zu

Der Online-CvD der »Jüdischen Allgemeinen«, Philipp Peyman Engel, sagte: »Dass Twitter antisemitische Hasstweets duldet, aber Nachrichten der einzigen jüdischen Wochenzeitung Deutschlands sperrt, ist für uns absolut unverständlich.« Gegenüber der »Süddeutschen Zeitung'« erklärte Twitter am Nachmittag: »Das war ein Fehler. Die Entscheidung wird aufgehoben und das Konto wiederhergestellt.« Am Montagnachmittag meldete die jüdische Zeitung Twitter habe den seit dem Morgen gesperrten Account wieder freigegeben.

In den letzten Tagen war es bereits zur vorübergehenden Sperrung des Twitter-Accounts der Initiative »Deutsche Wohnen und Co enteignen« gekommen. In der Folge wurde auch der Account der linken Journalistin Nina Scholz gesperrt, als sie die Sperrung der Twitter-Präsenz der linken Initiative kritisierte.

Unter dem Hashtag #TwitterSperrt berichteten Nutzer des Kurznachrichtendienstes über die Sperrungen von zahlreichen Accounts, darunter auch Satire-Tweets etwa von der Partei »Die Partei«. Offenbar funktionierten die Sperrungen »rein automatisiert, ohne dass geprüft wird, ob die Sperrungen gerechtfertigt sind«, kritisierte die Linkspartei-Netzpolitikerin Anne Roth am Montag auf Twitter. Damit werde genau das Gegenteil des von Twitter gesetzten Ziels erreicht: die Verhinderung von Manipulation.

Rechte Accounts würden »über erfolgreiche Melde-Marathons jubeln«, so Roth, die als Referentin zum Thema im Deutschen Bundestag arbeitet. »Demokratie und Meinungsbildung dürften nicht allein unausgereiften Algorithmen überlassen werden«. Twitter sei das eigene Meldesystem »völlig entglitten«.

Der Datenanalyst Luca Hammer hingegen vermutet »Overblocking«, also den Ansatz aus Furcht vor eventueller Strafverfolgung im Zweifelsfall lieber zu viel und zu schnell zu blockieren, »schlecht geschulte Mitarbeiter_innen« und Zeitdruck beim Abarbeiten der gemeldeten Accounts und Tweets als Ursache für die Sperrwelle. Mit dpa

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!