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Was ich kriegen kann, gefällt mir nicht!

Eine Dokumentation über Castorfs Volksbühne: »Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja - Warum dauert es so lange?«

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der ältere Herr, der da sitzt, gewandet in einen schwarzen Adidas-Trainingsanzug, hält einen furiosen Monolog. Er spricht von Raum- und Zeitkoordinaten, von Goethe, vom Universalgelehrten Leibniz, von der Theorie der Monaden, dem Politiker und Denker Mirabeau, noch mal vom »Kollektivwesen« Goethe, dann von Eckermann, Brecht, Humboldt, Louis-Ferdinand Céline, der französischen Nationalbibliothek, Faust, Selbsttötung, dem Erdgeist, Charles Manson, den 1820er Jahren, Faust II, der Zukunft, von Wut und Wucht, des Weiteren von Kanalbauten, dem Marxismus, den Schriften der Junghegelianer, den 1840er Jahren, dem Begriff der Arbeit, der Ware Arbeitskraft, Binswanger, dem Mehrwert, dem verfaulenden Besitz, dem Kaiser und Gegenkaiser bei Goethe, den revolutionären Bewegungen, den Bauernkriegen, dem 30-jährigen Krieg, von Religionskriegen, den sich neu formierenden Nationalstaaten, Goethe, der Kolonialisierung des Landes, der Nordsee, dem Mekong-Delta, Schiller und seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung, vom Jahr 1792, der heißen Phase der Französischen Revolution, der sozialen Frage bzw. Frage der Gleichheit, der Entdeckung des revolutionären Terrors, von einem hellhörig werdenden Schiller, dem versifften deutschen Land mit seiner Kleinstaaterei, der furchtbaren Depression jener Zeit, Grabbe, Büchner, Lenz, Sturm und Drang, Weimar, Lord Byron, Macht, den Dandys und ihren bunten Kostümen, Goethe als Kriegsminister, der Liquidierung von Freunden, der Schlacht von Valmy, einem neuen Kapitel der Weltgeschichte, noch mal 1792, von Lenz und den Moskauer Schneestürmen.

Etwas mehr als sechs Minuten dauert diese Szene in dem 102-minütigen Dokumentarfilm, um den es hier gehen soll, und Castorf, in dessen Kopf sich im Moment des Sprechens eine einzige riesige wirre Loseblattsammlung zu befinden scheint, gelingt es, nicht einen einzigen substanziell stimmigen Satz zu sagen. Dennoch hören die um ihn herumsitzenden Volksbühnenschauspielerinnen und -schauspieler und anderen Mitarbeiter brav zu, so als rede hier eine Art Weltweiser zu ihnen.

Es ist zweifellos erstaunlich, wie der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne, der »Anti-Konzeptualist« Frank Castorf, die ganze Zeit über nervös an einem Stück Papier herumzwirbelnd, hier eine Art Bewusstseinsstrom vor Publikum präsentiert und wie ihm dabei ebenso munter wie sinnfrei die Wörter und Satzbröckchen aus dem Munde purzeln. Die Rede besteht überwiegend aus Namedropping und viertelfertigen Gedanken. Und doch ist darin das gesamte testosterongesättigte Castorf’sche Assoziations-, Weltgeschichts-, Pathos- und Brülltheater enthalten. Castorfs Arbeitsweise: das fortwährende Aufeinanderschichten von heterogenem Material.

Der Regisseur Andreas Wilcke, der mit seinem überaus sehenswerten Debütfilm »Die Stadt als Beute« (2016) die rücksichtslose Radikalgentrifizierung und Verdrängung ganzer Bevölkerungsteile aus der deutschen Hauptstadt in den Blick nahm, hat jetzt eine Dokumentation über das letzte Jahr der Volksbühne unter ihrem Intendanten Frank Castorf gedreht. »Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja - Warum dauert es so lange?« heißt der Film, der dieser Tage in die Kinos kommt.

Wilcke scheint sich für Prozesse der Zerstörung zu interessieren. Tatsächlich war die vom Berliner Senat, namentlich vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und dessen ehemaligem Kultursenator Tim Renner ins Werk gesetzte Zertrümmerung der im positiven Sinn traditionsreichen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die lange eine der letzten sich als widerborstig begreifenden Kulturinstitutionen Berlins war, einer der barbarischsten kulturpolitischen Akte des vergangenen Jahrzehnts. So wie man seit über 20 Jahren schamlos dabei ist, aus Berlin ein zweites München oder Frankfurt zu machen, es zu einer Art austauschbarem Disneyland für Besserverdienende umzumodellieren, zu einer gewaltigen Ansammlung von Mehrzweckhallen, Shopping Malls und Konzernfilialen, und dabei einen unreparierbaren Schaden anrichtet, so hat man auch mit der Volksbühne eine der letzten kulturellen Großspielwiesen eliminiert, auf der die Kunst noch nicht privatisiert, gezähmt und dem Diktat des Marktes unterworfen war. Vielleicht werden die Verantwortlichen das erst bemerken, wenn die ganze Innenstadt aussieht wie der menschenfeindliche Potsdamer Platz. Vielleicht bemerken sie es nie.

In Wilckes Film sehen wir bei Weitem nicht nur den Bühnenhandwerker und einstigen Theatersonnenkönig Castorf, wie er fuchtelt und seine Schauspieler anbrüllt, wie er angetrunken dasitzt, den Weißweinbecher in der Hand, sich über sein gestähltes Publikum lustig macht, das tapfer sieben- oder achtstündige Inszenierungen über sich ergehen lässt, und wie er sich wundert, wie lange das gequälte Publikum durchhält: »Und jede weitere Szene kommt wie eine Peitsche.« Und: »In Südamerika habe ich mich geweigert, Übersetzungen zu machen, die mussten sich den Mist nur in Deutsch ansehen.«

Auch andere kommen zu Wort: Schauspieler, die - um warm zu werden - vor der Premiere oder bei Proben witzeln und improvisieren; Technikerinnen und Techniker, die für reibungslosen Ablauf sorgen; der Radiomoderator und Kulturwissenschaftler Jürgen Kuttner, der lautstark versucht, seinem Publikum den Unterschied zwischen Kunst und Kunstgewerbe deutlich zu machen, und dabei sehr zornig wirkt: »Diese Wichserei, hey! Da kannst du nur kotzen, verdammt noch mal!«

Wir sehen Volksbühnenmitarbeiter, die sich herzlich zur Begrüßung umarmen, Arbeiter, die den lange Jahre auf dem Gebäude thronenden Schriftzug »OST« demontieren, und einen Schauspieler, der den Bob-Dylan-Klassiker »It’s All Over Now, Baby Blue« singt und dazu selbstvergessen auf der Bühne tanzt; wir sehen Kulissenbauer und die Band Fehlfarben, die singt: »Was ich haben will, das krieg’ ich nicht / Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.« Ja, wir sehen in diesem Film dabei zu, wie Geschichte zerstört wird, nicht nur Theatergeschichte.

Wie laut und zwangsexpressiv, mit wie viel überzähligen und sinnlosen Ausrufezeichen die Volksbühne unter Castorf auch zuweilen daherkam: Sie war wenigstens Experiment und Spielwiese, eine Institution, in der ein »gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Kopf- und Handarbeit immer wichtig« (Castorf) gewesen ist. Sie brachte gesellschaftliche Widersprüche auf die Bühnenbretter, traf mal offene, mal versteckte Aussagen über Geschichte und Gegenwart unserer kapitalistischen Gesellschaft.

Dieses Theater wollte die SPD einem Mann in die Hände geben, den, wie er selbst im Film zugibt, Ideologie nicht interessiert (»Ideologie interessiert uns nicht«) und der sich mit seinem leeren, halbesoterischen postmodernen Gefasel und Motivationstrainingsjargon auf öffentlichen Podien stets nur den Anschein von Bedeutung gab (»interdisziplinär«, »Konzept«, »Akteure«), tatsächlich aber ein Hauptstadtreklamefuzzi war. Gut, dass wenigstens das nicht gelungen ist.

»Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja - Warum dauert es so lange?«, Deutschland 2019. Regie: Andreas Wilcke. 102 Min. Premiere im Kino Babylon (Berlin) am 15.5., 20 Uhr. Der Film startet Donnerstag in ausgewählten Kinos.

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