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Verena erzählt vom Krieg - so falsch wie alle anderen auch

Warum die Aussagen der Bahlsen-Erbin nicht nur beschämend, sondern typisch für deutsche Erinnerungskultur sind

  • Von Anna Delius
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach den sozialistischen Gedankenspielen des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert musste schnell ein Gegenentwurf her: Verena Bahlsen. Die Jungunternehmerin und Keks-Erbin wolle sich mit den Dividenden aus ihrem Unternehmen Segeljachten kaufen, entgegnete sie Kühnert und lobte dabei den Kapitalismus.

Als sie daraufhin kritisiert wurde, sie habe versäumt zu erwähnen, dass ihr Reichtum auch auf der Ausbeutung von NS-Zwangsarbeitern basiert, die im Übrigen nie entschädigt worden seien, irritierte sie mit ihrer Reaktion: »Das war vor meiner Zeit«, erklärte sie und gab außerdem an, die Zwangsarbeiter seien »genauso bezahlt worden, wie die deutschen Arbeiter«.

Wie kann es sein, dass eine Unternehmerin sich voller Stolz auf die Errungenschaften ihrer Vorfahren beruft – ihr Großvater hat immerhin das Wort »Keks« erfunden – sich aber nicht angesprochen fühlt, wenn es um Vorwürfe geht, die die nationalsozialistische Unternehmensvergangenheit betreffen? Zwischen 1941 und 1945 haben immerhin etwa 250 meist ausländische Zwangsarbeiter*innen in den Hannoveraner Bahlsen-Werken gearbeitet. Dies findet die Keks-Erbin aber nicht problematisch, da die Menschen genauso bezahlt worden seien, wie reguläre Angestellte – und sorgte damit für Empörung.

Bahlsens Umgang mit der NS-Zeit ist typisch für Deutschland

Für Erinnerungsforscher sind solche Aussagen wenig überraschend. Vielmehr sind sie Ausdruck einer typischen Haltung, wenn es um die Taten der eigenen Vorfahren während des Nationalsozialismus geht. In ihrer Studie »Opa war kein Nazi« untersuchten die Sozialwissenschaftler*innen Moller, Tschugnall und Welzer um die Jahrtausendwende, wie der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg in deutschen Familien erinnert werden. Genau wie Verena Bahlsen beschrieben Studienteilnehmer*innen stets eine vermeintlich gute Behandlung von Zwangsarbeiter*innen und blendeten den Kontext des Zweiten Weltkriegs für die Bewertung aus. So gaben manche förmlich damit an, wie polnische Zwangsarbeiter*innen zwar nicht mit am Tisch essen durften, wohl aber auf einer Holzkiste, so als müsse man ihren Eltern im Nachhinein noch dafür danken.

Tatsächlich erinnern viele ehemalige Zwangsarbeiter*innen menschliche Gesten oder freundschaftliche Beziehungen, wie wir aus Quellen wissen. Vielen von ihnen war außerdem klar, dass ihre Überlebenschancen »im Reich« höher waren, als im vom NS-Vernichtungskrieg überzogenen Osteuropa. Die meisten arbeiteten jedoch bis über die Belastungsgrenze, wurden körperlich und seelisch misshandelt; viele starben in den Bergwerken, Fabriken oder Bauernhöfen. Und natürlich war die millionenfache Versklavung von Menschen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten ein gigantisches Unrecht, auch wenn sie damit teilweise einem Tod in ihrer Heimat entkamen. Auch dann, wenn sie teilweise bezahlt wurden.

Ignorantes Herangehen

Verena Bahlsen kann nichts dafür, dass ihre Vorfahren Zwangsarbeiter*innen beschäftigten. Aber es ist ignorant, wie sie darüber spricht. Andererseits könnte man fragen: Warum sollte sie sich besser verhalten als andere? Eine Studie der Uni Bielefeld hat gerade gezeigt, dass 69 Prozent der Befragten mit »Nein« auf die Frage antworten, ob unter ihren Vorfahren »Täter« waren. Auch unsere eigene Studie, die an der Freien Universität Berlin durchgeführt wurde, hat ein Gefühl der Belästigung durch öffentliche Erinnerung bei den deutschen Befragten identifiziert.

Für Aufarbeitung braucht es Druck

Es gibt nur wenige Unternehmen, die ihre Vergangenheit ohne äußeren Druck »aufgearbeitet« haben. Selbst oberste Bundesbehörden wie das Justizministerium haben erst vor wenigen Jahren entsprechende Studien in Auftrag gegeben. Es wäre wünschenswert, wenn ein Unternehmen wie Bahlsen sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen würde und anerkennen würde, dass der eigene Reichtum eben auch auf verbrecherische Weise entstanden ist.

Die Firma Bahlsen sollte die wenigen überlebenden Zwangsarbeiter*innen entschädigen und – nicht, wie im Jahr 2000 durch ein deutsches Gericht geschehen – Klagen auf Entschädigung mit Verweis auf Verjährung abweisen. Natürlich kann man Leid nicht mit Geld aufwiegen. Aber: Viele dieser Menschen sind bitterarm und haben nur eine winzige Rente. Verena Bahlsen muss sich keine Sorgen machen. Eine Jacht könnte sie sich danach wahrscheinlich trotzdem noch kaufen.

Anna Delius ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und promoviert zu Arbeiterbewegungen und Menschenrechten in der europäischen Zeitgeschichte.

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