46. GutsMuths-Rennsteiglauf
Rennsteiglauf

17.000 im Fieber

Der Rennsteiglauf zieht am Samstag erneut die Massen an.

Von Michael Müller

Die Erinnerung daran bleibt für jeden, der damals in der Nähe war, auf ewig ein Horror. Riesenstimmung beim Rennsteiglauf, doch dann fiel dieser Schuss. Kein Startschuss wohlgemerkt. Neben Matze brach ein Sportler tödlich getroffen zusammen. Und Matze, der überhaupt zum ersten Mal dabei war, avancierte beim Finale zum Superhelden.

Aber, keine Panik. Besagter Matze ist nie gestartet. Ihn hat sich die Schriftstellerin Birgit Storm lediglich für ihren jüngsten Krimi ausgedacht. Und der spielt beim Rennsteiglauf. der bisher eigentlich auch ohne glamouröse Heldinnen und Helden ganz gut auskam. Übrigens auch ohne Sportsuperstars mit Olympiagold und großen internationalen Titeln. Die Stars bei diesem schönsten und härtesten Massen-Crosslauf Europas sind andere - nämlich alle die, die mitmachen. Zu seiner 47. Auflage wollen das an diesem Sonnabend wieder um die 17 000. Die Starter hat schon seit vielen Wochen ein Fieber erfasst - das Rennsteiglauffieber.

Der GutsMuths-Rennsteiglauf kann sich mit den bedeutendsten Breitensportveranstaltungen der Welt durchaus messen, wie etwa denen von New York, Paris oder Berlin. Doch er ist auch völlig anders als sie. Bei ihm ist - außer Hochachtung in der Szene - nichts zu holen: kein Startgeld, keine Siegprämien, keine Sponsorenverträge, keine Aufwandsentschädigung, keine Gratishotelzimmer. Beim ihm kann man nur reich an Erfahrung und Erinnerungen werden. »Zu uns kommen die, die zu uns passen«, meint dazu Jürgen Lange, Präsident des Rennsteiglauf-Vereins, lakonisch und nicht unzufrieden.

Das klingt wie heile Amateurwelt. Das ist es fast, dennoch gibt es professionelle Höchstleistungen. Denn obwohl keine Weltstars antreten, gibt es natürlich Favoriten. Steffen Justus gehört dazu. Er stammt aus Jena, war 2010 Vizeweltmeister im Triathlon und arbeitet seit Kurzem als Trainer beim SC Neubrandenburg. Der Rennsteiglauf habe ihn nie los gelassen, sagt er. Schon 1993 war er als Elfjähriger beim Junior-Cross dabei, heute startet er beim Supermarathon (73,9 km) - die »Königsdisziplin« unter den insgesamt sechs Distanzen.

Vor einem Jahr war Justus auf dieser Strecke böse eingebrochen. Doch diesmal habe er »gut strukturiert so um die 120 Kilometer pro Woche« trainiert, erzählt er. Jüngst gewann er mit Riesenvorsprung den Neubrandenburger Marathon. »Aber Thüringen ist eine völlig andere Liga.«

In der spielt Marcel Bräutigam, wohl einer von Justus’ Hauptkonkurrenten, schon länger. Vier Mal war er bereits Rennsteiglaufsieger. Der 31-Jährige ist frisch gebackener Deutscher Ultra-Marathonmeister. Doch die 50-km-Meisterschaftsstrecke um Grünheide bei Berlin ist eben platt wie ein Tisch. Beim Rennsteig-Supermarathon geht es bis hoch auf den Großen Inselsberg (916 m) und den Großen Beerberg (983 m). Er freue sich drauf, dass Justus wieder dabei ist, sagt Bräutigam. Sie werden sich sicher auf der Strecke treffen. Ob auch auf dem Siegestreppchen, ist noch ungewiss. Sicher aber mit Tausenden anderen bei der Abschlussparty am Samstagabend.

Dort sind dann auch all die anderen, von denen die meisten nur das Ziel hatten, selbiges zu erreichen. Zu denen gehört auch einer, der schon ganz andere Strecken bewältigt hat. Robby Clemens aus Hohenmölsen schaffte es einmal von West nach Ost um die Welt, und jüngst erst war er vom Nord- zum Südpol unterwegs. Er ist diesmal wieder Ehrenkapitän vom Rennsteiglaufteam »neues deutschland«. Ein absoluter Star in der Szene, aber einer, der sich keineswegs so fühlt. »Dabei zu sein, Leute zu treffen, das zählt für mich, dafür nehme ich auch immer gern einen Gang raus«, sagt er.

So dürften es heute die meisten der 17 000 Heldinnen und Helden auf dem Thüringer Kammweg empfinden. Hunderte von ihnen waren deshalb schon 25 Mal und mehr dabei. Bei Haferschleim, den es hier an den Verpflegungspunkten traditionell gibt, und vor allem mit viel Durchhaltevermögen. Mit dem hat es der Rennsteiglauf übrigens auch geschafft, als einzige große DDR-Sportveranstaltung nicht nur zu überdauern, sondern immer besser zu werden. Bodenständig und ganz ohne Superstarrummel.