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Krawehl, zweifrei

Schwellender Dunst: Neue bedeutende Gedichte von Gerhard Falkner und Sascha Anderson

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Gerhard Falkner, das muss man wissen, »geboren 1951, zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart« (Klappentext), also nicht bloß deutscher Zunge, sondern sogar überhaupt, und wer ihn vielleicht trotzdem nicht kennt, ja noch nie von ihm gehört hat, wird von der ausführlichen biografischen Information profitieren, die, das muss man ebenfalls wissen, keineswegs von Loriots Poetenkarikatur Lothar Frohwein (»Krawehl, krawehl«) stammt, sondern die reine, dabei bittere, freilich auch komische Wahrheit ist: »Er veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, u.a. ›Hölderlin Reparatur‹, für den er 2009 den Peter-Huchel-Preis erhielt, und ›Ignatien‹ (2004). Für seine Novelle ›Bruno‹ wurde ihm 2008 der Kranichsteiner Literaturpreis verliehen. … Seine Romane ›Apollokalypse‹ (2016) und ›Romeo oder Julia‹ (2017) standen auf der Long- bzw. Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurden von der Kritik gefeiert. Gerhard Falkner lebt in Berlin und Bayern.« Und hat natürlich auch die Villa Massimo hinter sich gebracht, ja erfolgreichst absolviert.

Was man dem frischen Gedichtband »Schorfheide. Gedichte en plein air« unbedingt anhört: »Mein Herz / ist ein aus dem Gehirn ausgebrochenes Pferd / aus grünem Licht / Galopp. Mi corazón. Galopp«, und das hat Loriot (»Taubtrüber Ginst am Musenhain / Trübtauber Hain am Musenginst / Krawehl, krawehl!«) nicht besser gemacht; und bewiesen jetzt auch, dass das mit der Unendlichkeit des Universums nicht stimmen kann, misst es doch genau die Strecke zwischen bedeutenden Dichtern (»Astern - schwälende Tage, / alte Beschwörung, Bann, / die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an«) und bedeutendsten Gegenwartsdichtern, die für Romantitel wie »Apollokalypse« nicht ausgelacht und mit Lebensmitteln beworfen werden und also vollauf Carte blanche haben: »Keuche den leuchtenden Honig ins Antlitz der Herde / … / Alles löst sich aus dem Bann, will weiter / Der Dunst, der in den Büschen schwillt, leistet Beihilfe / zu einem bahnbrechenden Hirsch« - dass es sich bei G. Falkner um einen bahnbrechenden Esel handelt, der nicht merken würde, was Poesie ist, wenn sie ihm mit dem Hintern ins Gesicht spränge, und aber haargenau weiß, welche fußlahmen Simulationen und selbstbewussten Unverschämtheiten man den Zuständigen als »epistemisches Gefunkel« unterjubeln kann (»Mit somnambulen Schritten / schreiten wir durch diesen sapphisch- / baudelaire’schen Raum«), sei hier nicht einmal vermutet, aus Erschöpfung, es hat ja alles keinen Sinn.

Es ist nämlich zu schlimm, zu arg: »Die Metonymien zu Melzow tauchen aus dem Wasser / und schöpfen ihren übertragenen Sinn / aus der Instabilität der Natur und ihren Emergenzen« - gegen Falkners Gerhard, »frisch geduscht und gegoogelt«, von einer stabil fähigen Kritik gefeiert und davon gut und gern in Berlin und Bayern lebend, wirkt der ernstlich gelehrte Durs Grünbein, der vielleicht ein Schwätzer, aber manchmal auch ein Dichter ist, wie ein rundum vernünftiger, netter Mensch, und es ist wie stets im Leben: Man muss sich nur trauen, und was gewinnt, ist allemal das Dreiste. »Unterm Freilichthimmel schöpft der Uckersee / Verdacht auf immer stimmhaftere Wolken und klappt / die Wasserspiegel ein« - was der Kritiker hier einklappt, ist sein kritisches Taschenbesteck. Denn die bloße Tatsache, dass solch »vertikal gesetzte Praktikantenprosa« (Thomas Gsella), derart pferdegrün aus dem Gehirndunst brechende Stiefelei zwischen Buchdeckel gelangt, ästimiert wird und Existenzen ermöglicht, deren Hauptzweck die fortgesetzte Demütigung aller ist, die darauf bestehen, Kunst komme von Können, auch wenn sich das nicht rechnet, richtet einen Betrieb, der ja auch einer Jahrtausendbegabung wie S. Lewitscharoff den Büchnerpreis hingestellt hat; und sich, noch einmal, etwas namens »Apollokalypse« (erster Satz: »Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten«) durchaus klaglos, ja begeistert hat servieren lassen. Dass eine gnadenlose Talentprobe wie »Schorfheide« dem Deutschen Literaturfonds ein Riesenstipendium wert war, macht vielleicht »unsere Trauer windig« (Eich), ist aber nur das Tüpfelchen auf dem i in einem Wort, das Scheiße heißt.

Wer dem bedeutend-bedeutsamen Falkner (»Frösche - / brüllende Smaragde«) allerdings zu Dank verpflichtet ist, ist Sascha (»IM«) Anderson. Dessen zonengrauer Jammerquatsch, zuverlässig aus dem Unglück sich speisend, Martin Walsers Schwiegersohn zu sein (»In der Verzweiflung / bin ich nicht zweizwei, in der / Verzweiflung bin ich // zweifrei. Was heißt das?«), wirkt dagegen fast wie Lyrik: »Denn wie der Hund glaubt, / glaubt auch die Suppe. Aber / sie riecht vieldeutig.« Und also schon mal nicht nach Falkner. Bravissimo.

Gerhard Falkner: »Schorfheide. Gedichte en plein air«. Berlin-Verlag, 128 S., geb., 22 €.

Sascha Anderson: »So taucht Sprache ins Sprechen ein, um zu vergessen«. Weissbooks-Verlag, 80 S., brosch., 18 €.

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