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Ein Iraner steht unter Strom

Asad Shirzad muss mit wenig Geld auskommen. Er absolviert zum zweiten Mal eine Ausbildung als Elektriker

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Iraner Asad Shirzad ist bereits Elektriker. Doch die Berufsausbildung aus seiner Heimat wird in Deutschland nicht anerkannt. Darum konnte der heute 32-Jährige in Lindow/Mark fast zwei Jahre lang nur als Hilfskraft arbeiten und wurde entsprechend mäßig bezahlt. Als Leiharbeiter hätte er woanders anfangen können, aber davon haben ihm deutsche Freunde abgeraten. «Ich habe gemerkt, dass ich ein Zertifikat benötige, sonst habe ich in Deutschland keine Chance, sagt Shirzad. Darum lernt er seinen Beruf nun noch einmal neu - bei der Wärmeversorgungsgesellschaft mbH (WVG) in Cottbus.

Er hatte vier Vorstellungsgespräche, drei in Berlin und eins in Cottbus. Für die Lausitz hat er sich entschieden, weil das Lehrlingsgeld in der Hauptstadt nicht ausgereicht hätte, um eine Wohnung zu bezahlen. In Cottbus ist die Miete nicht so teuer. Trotzdem ist das Geld knapp. Das Sozialamt wolle nichts zuschießen, bedauert Shirzad. Dort sei ihm gesagt worden, er müsse halt wieder ins Asylheim ziehen, sich dort mit jemandem ein Zimmer teilen. Das möchte der 32-Jährige aber nicht mehr. Jetzt heißt es für ihn, durchhalten bis zum Ende der Ausbildung. Dann kann er besser verdienen.

Shirzad möchte in Cottbus bleiben. Und das, obwohl die Stadt mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen mehrfach in die Schlagzeilen geraten ist. Anfang vergangenen Jahres gab es dort Messerstechereien am Einkaufszentrum Blechen-Carré und der asylfeindliche Verein »Zukunft Heimat« hatte bei seinen Kundgebungen bis zu 3000 Teilnehmer. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, aber an die 1000 Menschen kommen in Cottbus immer noch zusammen, wenn »Zukunft Heimat« marschiert.

Shirzad lässt jedoch keine Angst vor Ausländerfeindlichkeit erkennen. Im Betrieb gefällt es ihm. Deutsche müssten sich untereinander auch erst kennenlernen, meint er. Bei einem Ausländer dauere das länger, zumal im Fernsehen und in den Zeitungen oft nur über Probleme mit Flüchtlingen berichtet werde. »Aber dann sehen die Kollegen: Der ist auch nur ein Mensch«, berichtet Shirzad.

Die Ausbildung wird ihm nicht langweilig. »Sie ist zwei- bis dreimal anspruchsvoller als im Iran«, sagt der 32-Jährige. Obwohl er schon ordentlich Berufserfahrung hat, kann er also immer noch etwas lernen. Besonders, was die Fachsprache betrifft. Anfangs konnte er auf Deutsch nicht viel mehr als Kabel und Steckdose sagen - und deutsche Freunde mit anderen Berufen kannten die Fachbegriffe auch nicht.

Da kommt ein Flüchtling in ein fremdes Land, muss die Sprache lernen und soll arbeiten. Das ist hart, weiß Ministerpräsident Dietmar

Woidke (SPD). »Da kann man nur den Hut ziehen«, findet er. »Ich bin fest überzeugt, dass wir Menschen, die sich bei uns integrieren wollen, eine Chance geben müssen.« Wer fleißig sei und sich nicht daneben benehme, der sollte für immer bleiben dürfen. Derzeit wird nur nicht abgeschoben während der Ausbildung und zwei Jahre danach. Doch die Unternehmen müssten belohnt werden, die den Aufwand mit der Ausbildung der Flüchtlinge haben und Fachkräfte benötigen, sagt der Ministerpräsident Woidke am Montag bei einem Termin bei der zur GEMAG-Gruppe gehörenden Wärmeversorgungsgesellschaft an der Karl-Liebknecht-Straße 102. Am Standort beschäftigt die GEMAG-Gruppe 215 Arbeiter und Angestellte aus sieben Nationen, darunter 27 Auszubildende. Auch drei Polen, zwei Letten und ein Russe gehören zur Belegschaft. »Wir haben die jungen Leute gern. Sie halten sich an Anweisungen und an unsere Spielregeln«, lobt WVG-Geschäftsführer Rainer Petzoldt.

Das ist keine Ausnahme. Es habe Befürchtungen gegeben, dass junge Männer aus islamischen Staaten Frauen als Vorgesetzte nicht akzeptieren, beispielsweise ihre Ausbilderin nicht ernst nehmen würden, erinnert sich Alexander Schirp, Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Doch in der Praxis habe es solche Probleme nicht gegeben. Der Beitrag der Flüchtlinge zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt sei »signifikant«, betont Schirp. Er gibt zu, dass die Wirtschaft angesichts des Fachkräftemangels gelernt hat, »Menschen zu integrieren, die wir früher nicht integrieren wollten, weil wir es nicht nötig hatten«. Nun gebe es mit der Einstiegsqualifizierung ein Instrument, junge Männer und Frauen mit Defiziten an die Ausbildungsreife heranzuführen - ein Instrument, das nicht allein für Flüchtlinge gedacht ist, sondern ebenso für deutsche Jugendliche mit lückenhafter Schulbildung.

Wie bitter nötig das ist, zeigen Prognosen und Statistiken. Für das Jahr 2035 ist vorhergesagt, dass dann in Brandenburg 240 000 Erwerbstätige weniger zur Verfügung stehen als jetzt. Aktuell sei ein Viertel der Beschäftigten im Bundesland 55 Jahre und älter, berichtet Bernd Becking, Regionaldirektionschef der Arbeitsagentur. Der Wegzug der Jugend nach der Wende zeigt Wirkung. Zuletzt konnten 1850 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, im Jahr davor waren es 1700. Inzwischen arbeiten 54 000 Ausländer in Brandenburg, doppelt so viele wie noch vor vier Jahren. Vornehmlich sind es EU-Bürger, darunter viele Polen. Doch auch aus anderen Teilen der Welt kommen sie. »Brandenburg braucht den Zuzug, wie ich an den Daten verdeutlich habe«, sagt Becking.

Von den Flüchtlingen waren in Brandenburg zum Jahreswechsel 2018/19 rund 4500 sozialversicherungspflichtig und weitere 834 geringfügig beschäftigt. Bei den sozialversicherungspflichtigen Jobs geht die Arbeitsagentur davon aus, dass die Zahl in den kommenden Monaten die Marke 5000 übersteigen wird. Zum Vergleich: 2015 waren lediglich 500 Flüchtlinge in Brandenburg einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgegangen. Die Zahl hat sich seither verachtfacht, im Bundesmaßstab nur vervierfacht, bemerkt Becking stolz.

»Gute Arbeit und Ausbildung für Geflüchtete statt Verdrängung in schlechte Jobs und Schattenwirtschaft« fordert DGB-Landesbezirkschef Christian Hoßbach. Um einen Schattenarbeitsmarkt mit Dumpinglöhnen zu verhindern, müsse noch besser kontrolliert werden, dass wenigstens der gesetzliche Mindestlohn bezahlt und die Arbeitsschutzregeln eingehalten werden.

Asad Shirzad möchte besser verdienen. Er will nicht im Asylheim leben und von Sozialleistungen abhängig sein. Der 32-Jährige ist mit seiner Ausbildung auf dem richtigen Weg. Elektriker, die etwas von ihrem Fach verstehen, werden händeringend gesucht. Auch der Syrer Mohamad Hamdo hat eine Perspektive. 23 Jahre ist er alt und absolviert bei der Wärmeversorgungsgesellschaft eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für die Heizungs- und Klimatechnik. Er ist hoch motiviert. Schließlich hat er Frau und Kinder. Die Tochter ist zwei Jahre alt, der Sohn sechs Monate. Beide sind schon in Deutschland geboren. Sie sollen in Cottbus ihr Zuhause finden.

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