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Die kurzen Strecken fliegen

Der »Extremstilist« und Zeichner Hans Traxler wird 90 und berichtet über seine Kindheit

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 7 Min.

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Porträt des Künstlers als junger Über- und Tiefflieger
Porträt des Künstlers als junger Über- und Tiefflieger

Hans Traxler ist »ein Maler, der zeichnet«. So nennt ihn Oliver Maria Schmitt in seinem Buch zur Neuen Frankfurter Schule, dieser »komischen Gruppe« (Schmitt), bzw. »Hochschule der Hochkomik« (Schmitt), das er 2001 vorlegte: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!« Okay, den alten Spruch von F.W. Bernstein kann man kaum noch hören, aber das Buch ist sehr gut, ein Standardwerk. Und das Plakat zum Spruch, der F.W. Bernstein in den 60er-Jahren eingefallen ist, auch: es stammt von Hans Traxler und zeigt fünf Elche mit Hut und Mantel vor einem Alpenpanorama.

Das Plakat zeichnete, bzw. tuschte Traxler 1987. Auch die Bezeichnung »Neue Frankfurter Schule« entstand erst 20 Jahre nach der Entstehung dieser ganz speziellen Gruppe der erweiterten Kulturkritik in der Redaktion der Frankfurter Zeitschrift »Pardon« und um sie herum. Es war die Idee der Münchner Galerie Bartsch und Chariau. Dort fand im Sommer 1981 eine Ausstellung statt, die hieß »Die Neue Frankfurter Schule«. Ausgestellt wurden Robert Gernhardt, Hans Traxler und F.K. Waechter, der wiederum auch das Plakat zeichnete.

Keiner dieser drei genialen Autoren und Zeichner kommt ursprünglich aus Frankfurt am Main. Alle drei sind Flüchtlingskinder, die mit ihren Müttern im Zweiten Weltkrieg vor der Roten Armee flohen. Als die »FAZ« 2013 Hans Traxler fragte, was das größte Abenteuer in seiner Kindheit war, sagte er: »Die Flucht im Mai 1945, mit meiner Mutter, zu Fuß und ohne Gepäck, durch die Wälder und übers Gebirge nach Bayern.«

Sein Vater wurde gefangen genommen und starb. Er war Dorfgendarm in Sangerberg / Prameny am westlichen Rand von Böhmen, erst für die k.u.k.-Monarchie, dann für die Tschechoslowakei und schließlich für die Nazis. Im März 1945, Traxler war fast 16, sollte er noch in den Krieg geschickt werden. Seine Mutter zog ihm kurze Hosen an, damit er jünger wirkt, verbrannte seinen Pass und schickte ihn allein auf die Reise, weg von der Front. Sie kam später nach, irgendwann landeten sie in Regensburg.

Über seine böhmische Kindheit hat Traxler ein schönes kleines Buch vorgelegt. Es heißt »Mama, warum bin ich kein Huhn?« Das soll er mit vier Jahren seine Mutter gefragt haben, als er die Hühner auf dem Bauernhof, auf dem er aufwuchs, beobachtete: »Ich muss zugeben, dass ich in meinem späteren Leben nie wieder in solch philosophische Tiefen vorgestoßen bin«, schreibt Traxler in einem der kurzen Texte, die er jeweils mit einer Zeichnung illustriert.

Am heutigen Dienstag wird er 90 Jahre alt. »Zum Neunzigsten« heißt auch seine Ausstellung in der Frankfurter Caricatura, die am 26. Mai eröffnet. Im April sagte er in einem Interview mit dem »Süddeutsche Zeitung Magazin«, dass er versuche, jeden Tag zu arbeiten, »auch Sonntags«. Ungefähr drei Stunden, über den Tag verteilt. Warum zeichnet er nicht drei Stunden am Stück, will sein Interviewer Johannes Waechter (nicht mit F.K. Waechter verwandt) wissen. »Zeichnen ist unheimlich anstrengend«, antwortet Traxler und stimmt David Hockney zu, der einmal gesagt habe, dass eine Stunde Zeichnen so anstrengend sei wie sieben Stunden Malen. Vor allem muss man die ganze Zeit dabei sitzen.

Mit sieben, schreibt er in seinen »Kindheitserinnerungen« sei er zum ersten mal geflogen. Nachts im Traum. »Keine großen Strecken, meistens legte ich nur zehn oder zwölf Meter im Flug zurück, an guten Tagen vielleicht zwanzig oder dreißig Meter, nie mehr«. Und auch »nie sehr hoch, meistens in Kopfhöhe mit den Fußgängern, die nur kurz hinguckten, und dann wieder weg.«

Etwas ähnliches passierte Traxler mit einem Tiefflieger im Oktober 1944, als man die Uhr danach stellen konnte, wenn am Himmel jeden Tag um 11 Uhr britische Bomber in Richtung Bratislava flogen während er zusammen mit 300 anderen Schülern einen Schützengraben für den »Ostwall« gegen die vorrückende sowjetische Armee ausheben musste. Plötzlich aber löste sich eines Tages ein Jagdflieger, »eine doppelrumpfige P 38 Lightning« aus dem Verband und kam im Sturzflug auf ihn zugeschossen. Doch der Pilot eröffnete nicht das Feuer aus seinen vier Maschinengewehren, sondern zog wieder steil in die Höhe zu den anderen Flugzeugen, die er begleitete - »bevor ich noch genug Zeit hatte, mich zu fürchten«.

Der junge Traxler fürchtete anderes, zum Beispiel als Grundschüler von seiner Mutter in einem selbstgenähten Bajazzo-Anzug gesteckt zu werden, um sch beim Faschingsumzug auf einem von Kühen gezogenem Bauernwagen zu stellen und Süßigkeiten in die Menge zu werfen. Traxler heulte so lange, bis er diese Clownsrolle nicht spielen musste: Er ist auf sein Verhalten noch heute stolz, schreibt er, da er immer die Meinung vertreten habe, »dass Komik nicht alles darf, vor allem nicht, wenn sie auf meine Kosten geht«. Deshalb arbeite er auch nicht wie andere »Menschen mit humoristischen Neigungen« als Stand-Up-Comedian, »der sein Brot in Fernsehateliers, Fußballstadien oder Altersheim verdienen muss«, sondern vielmehr »in einem zauberhaft stillen Atelier im Grünen, der schnurrende Kater zu meinen Füßen und der köchelnde Tea-Maker zu meiner Linken.«

Laut Oliver Maria Schmitt verkaufte Traxler 1947 seine erste Zeichnung - »seitdem hat er immer vom Zeichnen gelebt«. Schmitt zitiert F.W. Bernstein, der Deutschlands einziger Professor für Karikatur und Bildgeschichte war: »Dass Hans es so gut kann, sieht man auch daran, dass man es gar nicht merkt.« Seinen ersten Comic zeichnete Traxler mit vier Jahren: »Drei Bären, die bei großer Hitze auf einer Draisine über Land fahren und haarsträubende Abenteuer erleben«.

Fantastische Geschichten, realistisch gezeichnet, die aber freundlich funkeln. Das gilt auch für die Szenen, die er sich viel später für seine der tristen Wirklichkeit entrissenen Bilderhelden ausdachte: Den tolpatschig-verwirrten Bundespräsidenten Heinrich Lübke etwa, den er in »Pardon« als entrücken »Serenissimus« durch die Lande schickte oder den skurrilen Papst Paul VI (dem sogenannten Pillen-Papst) und natürlich Bundeskanzler Helmut Kohl, den er (in Kooperation mit dem Texter Pit Knorr) als bauerschlauen Superstar »Birne« zu einem Spitznamen verhalf, der in den allgemeinen Sprachgebrauch einging.

Für Traxler sind das »Comic-Helden«, auf die man lange warten muss: »Solche Menschen«, erzählte er Schmitt, »müssen einmalig und unverwechselbar sein und über jenen Funken von transzendentalem Wahnsinn verfügen, der sie abheben und eine Spanne hoch über unserem rational definierten System schweben lässt«. Da ist es wieder, das Fliegen.

Bis heute sucht er ähnlich wie Hergé, der Schöpfer von »Tim und Struppi«, nach der berühmten klaren Linie in der Darstellung. Hierzu nahm der »Extremstilist« (Schmitt) erst Privatunterricht bei dem früheren Prager Professor Max Geyer, der sich an Michelangelo orientierte und für den er beispielsweise »die 82 Bewegungen des menschlichen Armes« zeichnen musste. Dann arbeitete er im Billig-Witz-am-Fließband-Betrieb für den Karikaturendienst von Hans A. Nikel, dem er mit einem Kunststudium an der Frankfurter Städel-Schule zu entkommen hoffte, nur leider kam er dort mit seiner Vorliebe für zeichnerischen Realismus nicht gut an. Die konnte er erst in anderen - latent stets surrealen - Kontexten nutzbar machen, wie zum Beispiel in der Werbung für VW, mit der er gut Geld verdiente.

»Meine Arbeit soll möglichst zeitlos sein, und das erreicht man am besten,wenn man realistisch bleibt«, erzählte er dem »Süddeutsche Zeitung Magazin«. In Nikels Witz-Schwitzbude hatte er die Zeichner Kurt Halbritter und Clodwig Poth kennengelernt. Halbritter kam sogar aus Frankfurt. Sie bildeten die Urzelle von »Pardon«, die Nickel ab 1962 herausgab - bis 1979, als er immer mehr in Richtung Esoterik abdrehte und die Künstler, die bald »Die Neue Frankfurter Schule« genannt wurden, eine eigene Zeitschrift gründeten: »Titanic«.

Dass dieses »endgültige Satiremagazin« immer noch lustig und lesbar ist, liegt in erster Linie daran, dass die Redaktion völlig unabhängig vom Verlag agiert. Das hatten ihre Gründer, zu denen auch Hans Traxler gehört, so festgelegt - das ist eine ganz besondere Form von Realismus. Bajazzos wollten sie keinesfalls sein.

Lustig aber schon: »Ich bin schon mit jeder beliebigen Art von Amüsiertheit zufrieden, ja selbst ein ganz unbestimmtes, leichtes Wohlgefühl, ausgelöst von einer meiner Zeichnungen würde mich völlig zufriedenstellen«, schrieb Traxler über sich selbst 1999 in seinem Buch über den k.u.k.-Satiriker Roda Roda.

Vor allem will er immer weiterzeichnen, sagte er dem »Süddeutschen Magazin«, »ich wüsste nicht, was ich mit meiner Zeit sonst anfangen würde.«

Hans Traxler: Mama, warum bin ich kein Huhn? Kindheitserinnerungen. Insel Verlag, 104 S., geb., 16 €.

Ab 27. 5. »Zum Neuinzigsten«, Caricatura in Frankfurt am Main (bis 22.9.)

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