Bevor der Palast der Republik abgerissen wurde, war er von 2003 bis 2005 Ort spektakulärer Kunstprojekte.

Erinnerungsarbeit für die Gegenwart

Den Palast der Republik gibt es nicht mehr, aber den Freundeskreis

Im Herbst wird das Humboldt-Forum eröffnet, die Berliner werden es wahrscheinlich immer Schloss nennen. Das Forum wird ein Ort der Geschichte, und es steht genau auf jenem Platz, den der Palast der Republik einnahm. Der war ein Bau der Moderne, eine Referenz an die arbeitende Bevölkerung und zugleich ideologisches Prestigeprojekt der DDR-Staatsführung. 1976 eingeweiht, zählte der Palast bis zu seiner Schließung 1990 täglich 15 000 Besucher. Von 2006 bis 2008 wurde er abgerissen, nachdem er - entkernt und seiner Funktion beraubt - noch Ort spektakulärer Kunstprojekte sein konnte. Aber fort ist er nicht. Rudolf Denner gehört zu jenen Menschen, die seit 25 Jahren die Erinnerung an den Palast der Republik pflegen und sich in Diskussionen über historisches Erbe und dessen Bewertung einbringen wollen. Anke Ziebell sprach mit dem Mitbegründer des seit 2007 bestehenden »Freundeskreises Palast der Republik«.

Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Uns geht es darum, die Erinnerung an den Palast der Republik wachzuhalten - mit all seinen Facetten. Heute sind sich zwar etliche Experten einig, dass der Abriss ein Fehler war, aber es gibt den Palast nicht mehr. Mit unseren Wanderausstellungen und Diskussionen wollen wir auf dessen Bedeutung aufmerksam machen, ihn vor dem endgültigen Verschwinden bewahren.

Im Humboldt-Forum wird an den Palast erinnert. Finden Sie das gut?

Seit 2011 sind wir mit dem Vorstand der Stiftung Humboldt Forum immer wieder im Gespräch. Wir waren und sind überzeugt, dass in diesem Forum an den Palast der Republik erinnert werden muss. Er ist Teil der Geschichte dieses Platzes, dieses Stadtraums.

Sind Ihre Vorschläge auf offene Ohren gestoßen?

Der Generalintendant des Humboldt-Forums, Hartmut Dorgerloh, ist durchaus aufgeschlossen. Wir haben dem Humboldt-Forum Einblick in unsere über Jahre zusammengetragenen Materialien gegeben. Das ist ein großer Fundus, zu dem auch eine umfangreiche Dokumentation des Abrisses gehört. Zeitzeugenberichte, Alltagsgegenstände, unzählige Fotos, Materialien von Fachleuten der Stadtentwicklung, Architektur, der Bauakademie. Das ist von großem Wert, will man Geschichte nicht nur bruchstückhaft, sondern möglichst differenziert und facettenreich erzählen.

Das Humboldt-Forum will seinen Gästen ermöglichen, sich auf Spurensuche zu begeben, um die Geschichte des Ortes zu erkunden. 36 Spuren werden es sein, zwölf davon befassen sich mit dem Palast der Republik. Sind Sie zufrieden?

Erinnerung ist ein komplexer, langfristiger Vorgang. Kulturelle Erinnerungsangebote sind notwendig. Das vorgestellte Konzept ist aus unserer Sicht ein begrüßenswerter Anfang. Wir möchten natürlich mehr, beispielsweise dass ein Palastmodell aufgestellt wird. Aber auch, dass an den Abriss und den Protest dagegen erinnert wird. Im Zeitraum von 2003 bis 2005 besuchten fast eine halbe Million Menschen die Ausstellungen und Events im Palast, als bereits klar war, dass er verschwinden wird. Die politische Diskussion damals war hoch emotional, und sehr viele Menschen haben den Abriss des Palastes als eine Siegergeste empfunden. Erinnern heißt für uns also auch, die Debatten, Verwerfungen, Verletzungen zu thematisieren.

Was hätten Sie gern den geplanten zwölf Spuren im Humboldt-Forum hinzugefügt?

Wir plädieren dafür, das Modell der »Gläsernen Blume« im Humboldt-Forum aufzustellen. Sie war ein Symbol des Palastes, viele Menschen erinnern sich an sie. Historische Spurensuche muss allen Sinnen Reize setzen, Erinnern fängt oft mit sinnlicher Erfahrung an. Wir fänden es gut, wenn die Gemälde des Palastes, die im Palastfoyer hingen, wieder öffentlich zugänglich wären. Das Humboldt-Forum wäre dafür geeignet.

Wenn der Palast der Republik im Forum einen Erinnerungsort bekommt, ist Ihre Arbeit dann getan?

Nein. Erinnerungskultur ist ein Prozess, da kann es keinen Schlussstrich geben. Natürlich bekommt die Diskussion mit dem Forum einen Ort, an dem sie im besten Fall weitergeführt werden kann. Wir sind allerdings die einzige Institution, die sich als Bürgerinitiative mit diesem Thema beschäftigt. Da wird die Zeit vieles lösen, schließlich werden wir nicht jünger.

Was plant der Freundeskreis für die nächste Zukunft?

Zum Beispiel die nächste Wanderausstellung, die voraussichtlich im Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee stattfinden wird. Wir können auf die Erfahrung von bislang 30 Wanderausstellungen zurückblicken.

Kommen vor allem ältere Menschen?

Ja schon, zumindest Menschen, die den Palast eben aus eigenem Erleben kannten, Erinnerungen damit verbinden. Wir arbeiten aber auch mit dem Verein »Unentdecktes Land« zusammen, in dem viele jüngere Menschen engagiert sind. Ebenso mit dem DDR-Kabinett Bochum.

Wer gehört zum Freundeskreis?

Wir sind 150 Mitglieder über ganz Deutschland verteilt, viele davon Zeitzeugen. Natürlich sind wir oft mit der Frage konfrontiert, ob wir ein Nostalgieverein sind. Dann sage ich immer: Wir sind keine Nostalgiker, wir sind Realisten. Es geht uns nicht um Betroffenheitslyrik, sondern um Erinnerung und Angebote für Debatten der Gegenwart.