DFB-Frauen

Die etwas andere Tour de France

Mit einem Sieg und viel Selbstvertrauen fahren die deutschen Fußballerinnen zur WM.

Von Frank Hellmann

Die Abenddämmerung war längst hereingebrochen, als der Teambus der deutschen Fußballerinnen die Ausfahrt vom Parkplatz der Regensburger Arena nahm. Dahinter das rot schimmernde Stadion, davor die Silhouette der Stadt. Zuvor hatten noch etliche Fans ausgeharrt, um die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit viel Beifall auf die Reise nach Frankreich zu schicken. Großen Wert legte die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg jedoch darauf, auch den Freitag gemeinsam noch in der Donauregion zu verbringen. Nach einer Regenerationseinheit erfolgte die Verabschiedung der »Backup-Spielerinnen«, der Nummern 24 bis 28 im Kader, die bei der Weltmeisterschaft vom 7. Juni bis 7. Juli nicht dabei sein werden.

Es wartet das letzte freie Wochenende, um den Kopf zu lüften. Die Bundestrainerin hat dafür ihre Familie zum Grillfest nach Straelen geladen. Am Montag hebt dann vom Frankfurter Flughafen der Charterflug zum ersten WM-Spielort Rennes ab. Zum Kader wird »nach aktuellem Stand« (Voss-Tecklenburg) auch die an der Schulter lädierte Stammtorhüterin Almuth Schult (»Ich gehe davon aus, dass ich die Koffer packe«) gehören, die in der rauen Bretagne für das erste Gruppenspiel gegen China am 8. Juni und für eine etwas andere »Tour de France« (Voss-Tecklenburg) fest eingeplant ist.

Die ersten Gegnerinnen hat Assistenztrainerin Britta Carlson am Freitag persönlich in Augenschein genommen. Ihre Chefin erteilte nach dem 2:0-Pflichtsieg gegen den überforderten WM-Neuling Chile dem einzigen Reporter aus dem Reich der Mitte zwar artig Auskünfte. Aber mehr verraten, als dass ihr Trainerteam auch auf diesen Gegner gut vorbereitet sei, wollte die 51-Jährige doch nicht. Immerhin: Den zweifachen Weltmeister Deutschland begleitet ein positives Grundgefühl ins Nachbarland. 10 135 Zuschauer bedeuteten die beste Kulisse für ein Heimländerspiel seit mehr als vier Jahren. Die ausgesprochen frohgemut gestimmten Zuschauer erzeugten »fast WM-Atmosphäre«, wie Schult lobte - und definitiv ein besseres Ambiente als zuletzt bei manch einem Länderspiel der Männer, bei dem eher spaßfreies Opernpublikum zugegen war.

Die ebenso beschwingten wie unerfahrenen DFB-Frauen - 15 Spielerinnen bestreiten ihre erste WM - werden sich im Turnier jedoch in Sachen Effizienz steigern müssen. Schon gegen den zweiten Gruppengegner Spanien dürfte es am 12. Juni in Valenciennes um den Gruppensieg gehen. Und darum, ein mögliches Achtelfinale gegen den Weltmeister USA zu verhindern. »Ich glaube zwar, dass wir jeden Gegner schlagen können, aber solch ein Knallerspiel gleich im Achtelfinale«, sagte Schult - das brauche das Team nicht wirklich. Bei der WM 2015 hatten die US-Girls mit einem 2:0 im Halbfinale das Stoppschild für die DFB-Fußballerinnen in den Kunstrasen des alten Olympiastadions von Montreal gerammt.

Die Torhüterin des VfL Wolfsburg, generell mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet, möchte die Messlatte gerne höher legen, als allein die Olympiaqualifikation als selig machend zu begreifen. »Wenn man keine Titelhoffnungen hat, braucht man nicht anzutreten.« Und die bei Olympique Lyon spielende Linksverteidigerin Carolin Simon, die mit einer missglückten Flanke das 2:0 gegen die Chileninnen erzielt hatte, hat schon jetzt die letzte WM-Woche in ihrer Wahlheimat im Blick, denn beide Halbfinals und das Finale finden in Lyon statt. »Das wäre mein Traum.«

Für dessen Erfüllung aber besteht »noch Luft nach oben«, wie Kapitänin Alexanda Popp erklärte, die trotz ihres Führungstors mit ihrem Chancenwucher sinnbildlich für »den nicht optimalen Abschluss« stand, wie die 28-jährige Stürmerin selbstkritisch einräumte. »Der letzte Pass, die Präzision im letzten Drittel«, bestätigte Voss-Tecklenburg, stünden in den nächsten Trainingstagen ganz oben auf der Agenda. Die fehlenden Automatismen einer Offensive, in der die Flügel (Svenja Huth und Lea Schüller) und das Zentrum (Popp) wie zu Zeiten einer Silvia Neid permanent besetzt sind und eine Spielmacherin (Dzsenifer Marozsan) mit allen Freiheiten ausgestattet ist, könnten Folge der kurzen Vorbereitung sein, die nur ein einziges Trainingslager in Grassau vorsah. Die Regenwolken, die sich dort am Rande der Chiemgauer Alpen die letzten Tage gestaut hatten, sollen jedoch nicht das Sinnbild für die anstehende Weltmeisterschaft sein. Sondern der stimmungsvolle Rahmen am Himmelfahrtstag bei bayrischem Prachtwetter in Regensburg.