Ossis Tagebuch

Mitnichten, mitnichten

OSSIS TAGEBUCH: Spektakuläre Offenbarungen aus dem geheimen Tagebuch eines Bürgers der DDR aus dem Jahr ’89

Von Kalle

27. Mai 1989: Große Ereignisse werfen große Schatten voraus. Der Republikgeburtstag kündigt sich an. In Magdeburg ist eine wissenschaftliche Konferenz »40 Jahre DDR - 40 Jahre erfolgreicher Kampf um Sozialismus und Frieden« zu Ende gegangen. Und Eberhard Aurich informierte just über das FDJ-Aufgebot »DDR 40«. Das »ND« hat jedes Wochenende einen Bezirk »Im Blickpunkt«, diesmal Magdeburg. Freudig wird vermeldet, dass eine neue Generation von Farbfernsehern im VEB »Friedrich Engels« in Staßfurt produziert wird: »Color 40«, »mit größerer Farbbrillanz und höherer Lebensdauer«. Im 40. Jahr der DDR sollen 50 000 der neuen Geräte ausgeliefert werden.

Neu: Spektakuläre Offenbarungen aus dem geheimen Tagebuch eines Bürgers der DDR aus dem Jahr ›89. Die Kolumne unter: dasND.de/tagebuch

Die frohe Botschaft kommt für mich zu spät. Unser alter Fernseher hat sich schon im vergangenen Jahr verabschiedet. Auf meine flehende Frage beim RFT-Dienst: »Können Sie ihn noch reparieren, obwohl er schon über zehn Jahre alt ist?«, antwortete mir ein mürrischer Rundfunk- und Fernmelde-Techniker: »Kann ick versuchen. Das Programm wird davon aber nicht besser.« Er hat es vergeblich versucht. Ich raste zum nächsten Laden in die Schönhauser, damit meine Kinder nicht auf Sandmännchen und »Taddeus Punkt«, den Schnellzeichner und Bauchredner namens Heinz Fülfe, verzichten müssen. Fünf Minuten vor Ladenschluss ergatterte ich den letzten vorrätigen Apparat, ein sowjetisches Fabrikat: »Raduga«. Seitdem also flimmert in unserer Wohnstube ein »Regenbogen«.

28. Mai: Wir waren zur Jugendweihefeier meiner Nichte eingeladen. Am Wochenende sollen 168 000 Mädchen und Jungs republikweit das Gelöbnis abgelegt und das Buch »Vom Sinn unseres Lebens« geschenkt bekommen haben. Nicole sah schick aus in ihrem JuMo-Kleid. Angeregt hatte die Jugendmode auf dem VII. Parteitag 1967 Walter Ulbricht höchstpersönlich, der zwei Jahre zuvor noch gegen die »Monotonie des yeah, yeah, und wie das alles heißt« gewettert hatte.

Im Ministerium für Handel und Versorgung ist eine Arbeitsgruppe gegründet worden, die »Jugendmode - kess und farbenfroh« entwarf, für den Sommer ‹68 ganz innovativ »Papierkleider«; eigentlich waren sie aus Vlies und nach fünf Wäschen nur noch ein buntes Knäuel. Jetzt feierten wir Nicoles Eintritt ins Erwachsenenalter nach der offiziellen Zeremonie im Kreis der Familie im Nikolaiviertel, das zur 750-Jahr-Feier Berlin wieder auferstanden ist.

Meine Nichte schockte ihre Eltern mit der Frage, ob sie, da sie nun 14 Jahre alt ist und im Besitz eines Personalausweises, einen Ausreiseantrag stellen kann. Und ich sinnierte darüber, wie ich dann künftig antworten sollte, wenn man wissen will, ob ich Westverwandtschaft habe. Vielleicht halbwahr? Wie Willi Stoph: »Mitnichten, mitnichten.« Die Nichte des Ministerratsvorsitzenden durfte vor vier Jahren ausreisen. Ich verstehe Nicole, die jungen Leute wollen die Welt sehen. Kommt Weltanschauung nicht von Welt anschauen? Nicole gehört nicht zu den 850 FDJ-lern, die diesen Sommer zu den XIII. Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Pjöngjang fahren dürfen.

29. Mai: Es ist heiß, es häufen sich die Waldbrände, alarmierend das Niederschlagsdefizit. Unsere Genossenschaftsbauern beregnen rund um die Uhr Felder und Weiden - natürlich »rechnergestützt«, schließlich gehören wir zu den zehn führenden Industrienationen der Welt. Kalle