Das gute Leben fängt im Kochtopf an

Von Mario Pschera

Bertolt Brecht überlieferte das Gleichnis vom jungen chinesischen Revolutionär, der von seinem Meister die Revolutionskunst gelehrt bekommen wollte, von diesem immer raffinierter bewirtet wird, und schließlich am dritten Tag ungeduldig fragt, was das alles mit der Revolution zu tun habe. »Wie willst du gut kämpfen lernen, wenn du nicht lernen willst, wofür du kämpfst!« Essen ist nicht nur ein Grundbedürfnis sondern auch ein Ausdruck von sozialen, kulturellen und Produktionsverhältnissen.

In Westdeutschland wurde unter Linken Essen eher als Nebenwiderspruch behandelt, weshalb Peter Fischer 1976 mit »Schlaraffenland, nimm’s in die Hand!«, ein Kochbuch für »Kooperativen, Wohngemeinschaften, Kollektive und andere Menschenhaufen« verfassen und den Mitgenossinnen erklären musste, dass mit dem richtigen Bewusstsein auch das Sein gewinnt, Einkaufen für die Gemeinschaft nicht teuer ist und mit etwas Geschick auch der Maoist gut speisen kann.

In der DDR herrschte wiederum ein eher protestantisches Verhältnis zum Essen (zumindest offiziell), weshalb das Brot aus politischen Gründen zu billig war - und oft im Schweinefutter landete, Gurken in Brandenburg neben einer »Kasse des Vertrauens« vor den Kaufhallen standen, dafür anderes bodenständiges Gemüse partout nicht als Frischware zu haben war. Da hatte einer definitiv nicht den richtigen Plan gehabt.

Westdeutscher Hochmut gegenüber der ostdeutschen Küche ist allerdings unangebracht, denn erst Mitte der 1980er Jahre hatte sich eine raffiniertere Essenszubereitung in der Fläche durchgesetzt, nachdem Arbeitsmigranten aus Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei jahrzehntelang Auberginen, Brokkoli und Paprika nach Deutschland importieren mussten, weil sie das ewige Kartoffel-Fleisch-Einerlei gründlich satt hatten. In der Wirtschaftswunderzeit hatten die Deutschen überdies vergessen, dass sich aus heimischen Kräutern und Früchten wunderbare Gerichte zaubern lassen. Dass Lebensmittelfragen revolutionär sind, haben dann die Toscana-Fraktion und deren hippen Nachkommen vergessen, die sich mediterranes Feeling gönnen und dem »food lifestyle« frönen, während andere sich mit Hartz IV und Separatorenfleischklops glücklich schätzen sollen. Der Tagessatz beträgt 4,85 Euro, davon kann man dann zweieinhalb »True Fruits Smoothies« bei REWE kaufen.

Einerseits herrscht Überfluss, die exotischsten Lebensmittel sind immer und überall verfügbar, andererseits wird aus Pflanzen, Tieren und Chemikalien ein Industriepamps zusammengerührt, der irgendwie schnell satt und glücklich macht und dem wir Zivilisationskrankheiten, verseuchte Böden, Tierleid und Artensterben verdanken. Nachhaltiges Wirtschaften, solider Landbau, Wertschätzung der Produktion von Lebensmitteln und angemessene Bezahlung der Produzenten wären zwar kein Sozialismus, aber schon mal ein Trittstein auf dem Weg in ein gutes Leben für alle.